Kommentar

Chaos überzieht Amerika: Jetzt muss sich das Land der Debatte stellen

Die Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus gehen in Dutzenden US-Städten unvermindert weiter. Die Debatte dürfte im Wahljahr politisch vereinnahmt werden.

Wegschauen geht nicht mehr. Das Handyvideo, das mit dem qualvollen Tod von George Floyd endet, dauert acht Minuten. Es zeigt mit aller Deutlichkeit, wie unverhältnismässig die Stadtpolizei von Minnesota gegen den 46-jährigen Afroamerikaner vorging. In aller Kürze verdeutlicht das Video auch, worüber sich Millionen von Afroamerikanern seit Jahrhunderten beschweren: In den Augen der staatlichen Obrigkeit ist ihr Leben weniger wert als jenes weisser Amerikaner.

Im Unterschied zu ähnlichen Vorfällen in den vergangenen zehn Jahren ist dieser Todesfall wohldokumentiert. Alle Welt kann mit eigenen Augen zusehen, wie ein weisser Polizist einen schwarzen Mann tötet. Vielleicht also führt ein Video dazu, dass endlich ein Ruck durch die amerikanische Gesellschaft geht, dass endlich an einem Grundübel der ältesten Demokratie der Welt gerüttelt wird: dem fehlenden Vertrauen vieler Afroamerikaner in staatliche Institutionen.

Anzunehmen aber ist, dass diese Debatte im Wahljahr 2020 politisch vereinnahmt wird. Bereits stellt der republikanische Präsident Donald Trump die gewalttätigen Ausschreitungen ins Zentrum seiner Antwort auf George Floyds Tod. Mit einer solchen Strategie lässt sich unter Umständen sogar die nächste Präsidentschaftswahl gewinnen; wer weiss dies schon, in Zeiten einer Pandemie und weltweiten Wirtschaftskrise. Das jahrhundertealte Grundübel Amerikas wird dadurch nicht verschwinden.

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