Analyse

Clintons Trumpf: Nicht-Trump

FILE - In this Aug. 17, 2016 file photo, Democratic presidential candidate Hillary Clinton speaks at campaign event at John Marshall High School in Cleveland. (AP Photo/Carolyn Kaster, File)

«Trump wird nur dann am 8. November gewinnen, wenn es ihm gelingt, die Person Hillary Clinton ins Zentrum des Wahlkampfs zu stellen.» (Archivbild)

FILE - In this Aug. 17, 2016 file photo, Democratic presidential candidate Hillary Clinton speaks at campaign event at John Marshall High School in Cleveland. (AP Photo/Carolyn Kaster, File)

Als Bill Clinton vor einigen Wochen am Parteitag der Demokraten zu einer Liebeserklärung an seine Gattin Hillary anhob, erwähnte er auch die Begabung der Präsidentschaftskandidatin, ideologische Gräben zu überwinden.

1997, erzählte der Ex-Präsident, sei Hillary auf den führenden Parlamentarier Tom DeLay zugegangen, einen Republikaner, der aus seiner Verachtung gegen die Clintons kein Geheimnis machte. Hillary aber habe gewusst, dass DeLay mehrere Kinder adoptiert habe und sich deshalb für die Interessen von Adoptiv- und Pflegeeltern einsetzte.

«Sie respektierte ihn dafür», sagte Bill Clinton. Zusammen gelang es dem ungewöhnlichen Paar, ein Gesetz durch das nationale Parlament zu bugsieren, das die Institution der Pflegefamilie stärkte. Hillary habe sich nicht mit dem Status quo abgefunden, sagte ihr Gatte, sie sei auf ideologische Kontrahenten zugegangen und habe damit das Leben vieler Menschen besser gemacht.

Die Geschichte ist herzerweichend. Allein: Sie entspricht nicht der Wahrheit. Zwar stimmt es, dass sich die damalige First Lady Hillary Clinton im Jahr 1997 für Pflegefamilien und Adoptiveltern starkmachte und ein entsprechendes Gesetz unterstützte. Tom DeLay spielte bei diesen Bemühungen aber nur am Rande eine Rolle.

«Ich erinnere mich an das Gesetz. Aber es war nicht meines», sagte der Republikaner, der sich nun im Ruhestand befindet, kürzlich dem (linken) Meinungsmagazin «Mother Jones». So habe er sich nie an Gesprächen zwischen dem Weissen Haus und der republikanischen Parlamentsmehrheit beteiligt, sagte DeLay – der übrigens keine Kinder adoptiert hat. (Er und seine Gattin Christine nahmen in den Neunzigerjahren aber drei Pflegekinder bei sich auf.)

Die Wähler misstrauen Clintons Opportunismus

Natürlich kann man sich nun darüber streiten, wie wichtig eine fehlerbehaftete Anekdote zu nehmen ist. Die Geschichte – die übrigens auch von Hillary Clinton regelmässig erzählt wird – zeigt aber mit aller Deutlichkeit, wieso die amerikanischen Wählerinnen und Wähler der demokratischen Präsidentschaftskandidatin skeptisch gegenüberstehen.

Clinton, wie zuvor ihr Gatte, nimmt es mit der Wahrheit nicht allzu genau. Sie versucht ständig, sich in ein besseres Licht zu stellen – obwohl das eigentlich gar nicht nötig ist. Niemand in Washington bestreitet, dass die 68-jährige Politikerin blitzgescheit und auch nach vielen Jahren als First Lady, Senatorin und Aussenministerin wissbegierig ist. Leider ist sie auch eine Opportunistin. So gibt sie neuerdings die wirtschaftspolitische Populistin, obwohl die Clintons (Bill und Hillary) doch stets Befürworter von Freihandelsverträgen gewesen waren und ein offenes Ohr für die Interessen der Wall-Street-Banken hatten.

Untersützung aus dem eigenen Lager reicht Trump nicht

Dass Clinton dennoch eine gute Chance hat, in zwei Monaten die Präsidentenwahl zu gewinnen, hängt mit ihrem republikanischen Gegenkandidaten zusammen. Donald Trump mag davon profitieren, dass er nicht – wie Hillary Clinton – seit mehr als zwei Jahrzehnten im politischen Rampenlicht steht. Er kann sich deshalb aus Aussenseiter positionieren, als Geschäftsmann, der in der amerikanischen Hauptstadt Washington aufräumen werde. Natürlich aber ist dies bloss eine Fassade.

Zwar stimmt es, dass Trump keine politischen Entscheidungen fällen musste. Aber der Bauunternehmer meldete sich über die Jahre gerne und häufig zu aktuellen Kontroversen zu Wort. Es gibt deshalb genügend schriftliche Beweise für die Unterstellung, dass Trump über kein ideologisches Rückgrat verfügt. Seine Anhänger scheint das nicht zu stören, bewundern sie den Republikaner doch dafür, dass er stets sagt, was er denkt. In einem polarisierten Land hat dies zur Folge, dass Trump auf die Unterstützung einer grossen Zahl aus dem rechten Lager zählen kann. Dies reicht aber nicht aus, um eine Präsidentenwahl zu gewinnen – wie die Urnengänge 2008 und 2012 deutlich zeigten.

Deshalb gilt: Trump wird nur dann am 8. November gewinnen, wenn es ihm gelingt, die Person Hillary Clinton ins Zentrum des Wahlkampfs zu stellen – so wie in der vorigen Woche, als die Machenschaften der Clinton Foundation breit diskutiert wurden. Sollte sich die Kampagne hingegen um die Person Donald Trump drehen, wie in den vergangenen Tagen geschehen, dann wird der Republikaner nie ins Weisse Haus einziehen.

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