Über die erfreuliche Tatsache, dass, mit dem Segen der «Grossen», wieder einmal eine Vertreterin einer kleineren Fraktion das Grossratspräsidium übernehmen durfte, wurde schon öffentlich diskutiert. Ebenso über die unerfreuliche Tatsache, dass etliche der «Grossen» der grünliberalen Renata Siegrist die Stimme verweigerten. Uns interessiert in diesem Zusammenhang noch etwas anderes: Warum gehört die grünliberale Partei (GLP) eigentlich immer noch zu den «Kleineren», im Bund, aber auch im Kanton?

Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Sommer 2007, bei der Gründung der nationalen GLP, dachte: Endlich eine Partei, die weitgehend meinem Weltbild entspricht. Die Grünen waren mir zu links, die Freisinnigen pflegten den Umweltschutz zu wenig. Natürlich erwog ich, als Journalist, nie einen Parteibeitritt. Aber hier war sie, die Kombination aus «Grün» und «Liberal», die sich auch viele aus meinem Bekanntenkreis gewünscht hatten.

Und heute? Nach einem anfänglichen Höhenflug folgte 2015 ein Rückschlag: Der Wähleranteil bei den Nationalratswahlen sank wieder unter 5 Prozent, die GLP-Initiative für einen Umbau des Steuersystems («Energie- statt Mehrwertsteuer») scheiterte kläglich. Zwei Jahre später misslang auch der Versuch, zusammen mit CVP und BDP eine «neue Mitte» zu bilden. Im Aargau verlor die GLP bei den Grossratswahlen 2016 einen Sitz und steht aktuell bei 7 (von 140 = ein Zwanzigstel). Mit dem Auensteiner Beat Flach schickt sie allerdings seit bald acht Jahren einen Vertreter nach Bern, der nationale Bekanntheit besitzt.

Warum schaffte die GLP den grossen Durchbruch nicht? Wir können nur spekulieren. Der Hauptgrund wohl: Als «Neuer» in ein seit Jahrzehnten festgefügtes Parteiensystem einzubrechen, war und ist in jedem Fall schwierig. Erfolgreicher als die GLP waren in den letzten 50 Jahren die Grünen. Weitere mögliche Gründe: Die Marken «grün» und «liberal» sind hierzulande bereits besetzt. Und die Kombination daraus – grüne Anliegen auf liberalem
Weg durchzubringen– erwies sich als schwierig und nicht widerspruchsfrei. Zudem war und ist ein einheitliches grünliberales Profil nicht immer auf Anhieb erkennbar. Und vielleicht fehlen der Partei – trotz dem unermüdlichen Wirbeln des Dübendorfers Martin Bäumle in der ersten Dekade – die ganz grossen Namen.

Nichtsdestotrotz wünschen wir Renata Siegrist ein erfolgreiches Jahr als Grossratspräsidentin. Vor allem, dass sie nicht wieder einen neuen Minusrekord an Sitzungstagen bekannt geben muss...

Hans Fahrländer war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik.
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