Noch nie hat die Menschheit in einer einzigen, vereinten Weltordnung gelebt. Ordnung, wenn vorhanden, wurde lediglich innerhalb sich verschiebender Trennlinien begrenzter Regionen erzielt. Heute beeinflussen sich die verschiedenen Ordnungen, die unsere Welt regeln, immer häufiger und immer stärker gegenseitig.

Die Olympischen Spiele sind ein Beispiel dafür, wie die noch nie da gewesene Verbindung der modernen Welt positiv genutzt werden kann. Bei den Spielen kommen die Nationen der Welt trotz ihrer kulturellen und geschichtlichen Unterschiede, die ihre verschiedenen Systeme definieren, mit Freude zusammen. Bei den friedlichen Wettkämpfen der Olympischen Spiele motivieren die Erfolge einer Nation andere, sodass alle zu neuen Höchstleistungen angespornt werden.

Als Baron Pierre de Coubertin die antike olympische Tradition im Jahr 1894 wieder aufleben liess, war seine damalige politische Welt von Misstrauen dominiert. Die Landkarte Europas war neu gezeichnet worden und die psychologischen Anpassungen an die Veränderungen waren noch in vollem Gange. Imperiale Ambitionen führten weltweit zu Vertreibungen und Konflikten und Stabilität auf dem Kontinent, obwohl für den Moment erlangt, fühlte sich nicht dauerhaft an – und war es auch nicht. Aber Coubertin gelang es, diesen historischen Moment mit einer Vision von Freundschaft und Vertrauen, inspiriert von einem Ritual, das seinen Ursprung an einem Ort und in einer Zeit hatte, die noch turbulenter war als seine eigene, zu überformen.

Dieser animierende Spirit von internationalem Vertrauen hat bewiesen, dass er Zeiten sozialer Spaltung, politischer Instabilität und totalen Umbruchs überdauern kann. Dieses Jahr feiern wir das 125. Jubiläum des Internationalen Olympischen Komitees und das 25. Jubiläum des ersten Olympischen Friedens der Vereinten Nationen, einer internationalen Waffenstillstandsresolution, die unser gemeinsames Bekenntnis zum ursprünglichen Zweck der Spiele bekräftigt: «Frieden durch Sport».

Ich habe nun schon sechsundvierzig Olympische Spiele erlebt. Ich hatte die Ehre, vielen Spielen persönlich beizuwohnen und diese Erfahrung auch mit meinen Kindern und Enkeln zu teilen. Jede Ausgabe dieser vier Dutzend Wiederholungen der Spiele hatte ihre ganz eigene Bedeutung, geprägt von den Herausforderungen und den Triumphen des jeweiligen Moments.

Über ihre gesamte Geschichte hinweg haben die Olympischen Spiele die Kraft gehabt, das Verständnis zwischen Menschen zu fördern, selbst dann, wenn eine politische Übereinkunft sich als illusorisch erwies. Es gibt viele Beispiele dafür, wie die Spiele ihre Kraft entfaltet haben. Das vielleicht aussergewöhnlichste davon waren die acht Jahre, in denen die Sportler aus Ost- und Westdeutschland zwischen 1956 und 1964 als eine Mannschaft antraten, selbst dann noch, als der Kalte Krieg seinen Höhepunkt erreichte und die Welt am Rande eines Atomkriegs stand. Die Spiele waren auch Vorzeigeprojekt globalen Fortschritts im Sinne von Coubertins ursprünglichem Ziel, dem Einverständnis zwischen Völkern zu dienen. Die Eröffnungsfeier der Spiele von 1992 war ein solcher Anlass. An diesem Abend im Juli gaben gerade unabhängig gewordene mitteleuropäische Nationen im Stadion in Barcelona ihr stolzes olympisches Debüt. Deutschland lief wieder unter einer Flagge ein. Südafrika entledigte sich der Fesseln der Apartheid und kehrte nach drei Jahrzehnten Abwesenheit wieder zu den Spielen zurück.

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Das jüngste Beispiel ist der gemeinsame Einmarsch der Mannschaften der zwei Koreas bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 2018.

Zuweilen wurden die Olympischen Spiele von Gewalt überschattet; von den Morden an den israelischen Athleten bis hin zur Verwandlung der Sportstätten in Sarajevo in Schlachtfelder. Aber die wechselvolle Geschichte der Welt schliesst ihre Verbesserung nicht aus und schmälert auch nicht den innewohnenden Wert des olympischen Geistes.

Die Olympischen Spiele bieten einen Einblick in eine grössere Wahrheit: Das Vorhandensein von Konkurrenz macht ein Aufkommen von Konflikten unnötig. Die Spiele demonstrieren unsere Fähigkeit, Gemeinsamkeiten und nicht Unterschiede zur fundamentalen Voraussetzung internationalen Handelns zu machen. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, unsere nationalen und regionalen Interessen aufzuspalten und auf bestimmten Gebieten gegeneinander anzutreten, während wir auf anderen kollaborieren. Im richtigen Rahmen können Gegeneinander und Miteinander Seite an Seite existieren und bieten eventuell sogar Möglichkeiten, Alternativen zu Konfrontation zu suchen. Natürlich werden die Spiele allein Kriege und Konflikte nicht verhindern. Aber vielleicht werden die Olympischen Spiele als Inspiration für eine internationale Suche nach Verständnis durch und neben Auseinandersetzungen betrachtet.

Im Gegensatz zu vergangenen Epochen sind die Ordnungen der heutigen Welt untrennbar miteinander verbunden. Sie werden auch weiterhin Auswirkungen aufeinander haben und an einigen Orten miteinander konkurrieren. Einige mögen dies als Herausforderung betrachten, aber die Olympischen Spiele können ein wertvolles Symbol dafür sein, wie man auf friedliche Art und Weise im Wettbewerb miteinander stehen kann. Meiner Ansicht nach ist es eine Chance:

Wenn wir über diesen Moment in der Geschichte hinausblicken, können wir vielleicht ein Konzept für die Zukunft schaffen, in dessen Rahmen unsere sich ausbreitenden Netzwerke zu Verbindungen transformiert werden, die das gegenseitige Verständnis verbessern, Frieden fördern und unser gemeinsames Streben nach den vielfältigen Formen menschlicher Grösse voranbringen.