Kommentar

Die Schweiz als Wille und Show

Identitätssuche im digitalen Zeitalter: Eine Expo sollte mehr als eine Leistungsschau sein. (Symbolbild)

Identitätssuche im digitalen Zeitalter: Eine Expo sollte mehr als eine Leistungsschau sein. (Symbolbild)

In sieben Jahren ist wieder eine Landesausstellung geplant. Wie sich die Schweiz selbst darstellt und weshalb sie das tut, dazu hat sich unser Autor Gedanken gemacht.

Willensnationen sind keine Selbstverständlichkeit. Zur Sicherung des nationalen Zusammenhalts musste die Schweiz gerade im 20. Jahrhundert immer wieder Sonderefforts leisten. Hierbei spielten die Landesausstellungen eine wichtige Rolle. Ob 1939, 1964 oder 2002: Stets weckten innere und äussere Krisen und Umbrüche das Bedürfnis, die Eidgenossenschaft als funktionierendes, kräftiges und innovatives Gebilde zu präsentieren. Das Zielpublikum waren die eigenen Bürgerinnen und Bürger.

Diese Woche präsentierten Vertreterinnen und Vertreter von Nordwestschweizer Wirtschaftsverbänden und Politik unter dem etwas sperrigen Titel «Svizra27» ihre ersten Ideenskizzen für eine nächste Landesausstellung in sieben Jahren. Spannend sind in diesem Zusammenhang zwei Fragen: Warum wieder eine Landesausstellung? Und warum ausgerechnet in der Nordwestschweiz?

In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts befand sich die Schweiz in einer Identitätskrise: Das Nein zum EWR riss grosse Gräben auf zwischen der Deutschschweiz und den welschen Landesteilen, aber auch zwischen den urbanen und den ländlich geprägten Gebieten. Die Aufarbeitung der problematischen Geschichte der Eidgenossenschaft im 2. Weltkrieg (Kooperation mit Nazideutschland und nachrichtenlose Vermögen) und im Kalten Krieg (Fichen-Affäre) führte ebenso zu heftigen ideologischen Debatten. Aus diesem Geist der Spaltung ging die Expo.02 hervor. Im Grunde, so kann man zugespitzt sagen, wurden in der Schau vor 18 Jahren die hehren Bekenntnisse der früheren Landesausstellungen zur Wehrhaftigkeit (1939) und zur Selbstbehauptung zwischen den grossen ideologischen Blöcken (1964) als Propagandaleistung entlarvt.

Trotz Expo.02: Der Rösti- und der Stadt-Land-Graben sind der Schweiz bis heute erhalten geblieben, ebenso die Frage nach dem Platz des Landes im europäischen Nationengebilde. Aber sind wir tatsächlich an einem so krisenhaften Punkt in der Geschichte wie vor 25 Jahren? Auf den ersten Blick zumindest nicht. Globale Themen wie das Flüchtlingselend, der Klimawandel, die Gleichberechtigung aller Menschen oder die Bekämpfung von Pandemien überlagern derzeit die innereidgenössischen Konfliktlinien. Das Land hinterliess gerade in der Coronakrise insgesamt einen sehr stabilen Eindruck.

Und doch traten hie und da kulturelle Bruchlinien zutage. So stiessen die zügigen Lockerungsmassnahmen des Bundesrats im Welschland auf Kritik: Der Deutschschweiz wurde vorgeworfen, sie zöge die Ökonomie dem Schutz des Lebens vor. Und auch die Begrenzungsinitiative der SVP wird uns erneut vor Augen führen, dass das Thema «Europa» trotz zahlreicher funktionierender Abkommen alles andere als erledigt ist. Die Fronten zwischen den Öffnungsfreunden und den Isolationisten in unserem Land bestehen nach wie vor in unverminderter Härte.

Gründe genug für eine neue Landesausstellung also? Ja – denn die Willensnation Schweiz braucht einen kontinuierlichen Diskurs über ihr Selbstbild. Die Exponenten von «Svizra27» schlagen inhaltlich allerdings einen etwas eigenartigen Weg ein. Unter dem Motto «Mensch-Arbeit-Zusammenhalt» soll in sieben Jahren der Fokus auf die von der Digitalisierung, dem demografischen Wandel sowie der Globalisierung getriebenen Transformation der Arbeitswelten gelegt werden. Dies ist sicher ein relevanter Aspekt unserer Zukunft. Und die Wirtschaftsverbände, die hinter dem Projekt stehen, haben natürlich alles Interesse, sich mit diesen Fragen eingehend zu beschäftigen.

Aber liegt «Svizra27» damit richtig? Es ist zu befürchten, dass die Landesausstellung in der angedachten Form zur ökonomischen Leistungsshow verkommt und der Begriff des «Zusammenhalts» lediglich als Platzhalter zur Beruhigung skeptischer Intellektueller dient. Gerade die Nordwestschweiz – und darum ist es gut, dass diese Initiative aus dieser Gegend kommt – hat viel mehr zu bieten. Zum Beispiel die Erfahrung, wie hart es ist, in der Bundespolitik regelmässig marginalisiert, ausgegrenzt zu werden. Zum Beispiel die Erfahrung, wie verheerend geschlossene Grenzen zu unseren europäischen Nachbarn sich auf uns auswirken. Eine Landesausstellung mit dem Thema Grenzen und Überwinden von Grenzen hätte unser Land wirklich nötig.

Verwandtes Thema:

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

Meistgesehen

Artboard 1