Der diese Woche verkündete Wechsel von Staatssekretärin Pascale Baeriswyl vom Aussendepartement in Bern auf den Chefposten der Schweizer UNO-Mission in New York rückt ein aussenpolitisches Grossprojekt in den Fokus der Öffentlichkeit: die Kandidatur für den UNO-Sicherheitsrat. Das ist jenes Gremium, das gemäss Charta der Vereinten Nationen die «Hauptverantwortung für die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit» trägt – sofern es sich denn einigen kann. Eine so herkulische wie edle Aufgabe.

Die fünf Sieger des Zweiten Weltkriegs – USA, Frankreich, Grossbritannien, China und Russland – sind die ständigen Mitglieder dieses erlauchten Kreises. Ihre herausragende Stellung wird unterstrichen durch ein Vetorecht. Jeder dieser fünf Staaten kann eine verbindliche Resolution im Alleingang verhindern. Namentlich China und Russland, aber auch die USA machen davon regelmässig Gebrauch, oft zum Ärger der Europäer. Die Handlungsfähigkeit des Gremiums wird dadurch zeitweise eingeschränkt.

Nebst den fünf ständigen zählt der Sicherheitsrat auch zehn nichtständige Mitglieder. Diese werden für jeweils zwei Jahre gewählt, wobei alle Weltregionen berücksichtigt werden sollen. Von den Europäern gehören derzeit nebst Frankreich und Grossbritannien auch Belgien, Deutschland und Polen dem Rat an.

Seit 2011 treibt der Bundesrat die Schweizer Kandidatur für die Jahre 2023/24 voran. Die Wahl findet im Juni 2022 statt. Pascale Baeriswyl fällt zusammen mit Aussenminister Ignazio Cassis die Aufgabe zu, für den Einsitz im Sicherheitsrat zu lobbyieren. Die Kandidatur ist weder innen- noch aussenpolitisch ein Selbstläufer. Ob die Weltgemeinschaft das kleine, in anderen wichtigen Gremien wie der EU abseits stehende Alpenland wirklich im Rat sehen will, ist das eine. Die andere Herausforderung besteht darin, die Kritiker im Inland von der Kandidatur zu überzeugen.

Argumente für diesen temporären Einsatz auf der Weltbühne gibt es viele. Da wäre etwa jenes, dass gerade ein kleines Land ein Interesse daran hat, die existierenden Gremien der Vereinten Nationen zu stärken. Auch wenn Kritik an Zusammensetzung und Funktionsweise des Sicherheitsrats gerechtfertigt ist, gilt es im Auge zu behalten, dass die Entstehung von parallelen Entscheidungs- und Machtstrukturen wie etwa jene der G20 nicht im Interesse kleiner Staaten ist. Der Starke ist am mächtigsten alleine. Die Anzeichen, dass diesem Motto vermehrt nachgelebt wird, mehren sich. Das ist keine gute Entwicklung für Länder wie die Schweiz. Die UNO ist immerhin eine Bühne, welche auch die Grossen zwingt, ihre Handlungen zu rechtfertigen.

Ein aktives Mitwirken der Schweiz würde zudem das Ansehen unseres Landes verbessern. Als Kleinstaat ohne koloniale Vergangenheit ist sie weltweit als ehrliche Maklerin in Konfliktsituationen akzeptiert. Die Mitgliedschaft im Sicherheitsrat wäre dieser Wahrnehmung zuträglich. Da ist ein kleines Land ohne machtpolitische Hintergedanken, das sich nach bestem Wissen und Gewissen für friedliche Lösungen einsetzt.

Ein solches Engagement würde auch einen Kontrapunkt setzen zu den weltweiten wirtschaftlichen Aktivitäten von in der Schweiz domizilierten Firmen. Aktivitäten, die – Stichwort Rohstoffhandel – nicht nur positive Schlagzeilen generieren und mitunter ein schiefes Licht auf die reiche Alpenrepublik werfen.

Unverständlich wäre es, auf eine Kandidatur mit Hinweis auf die Neutralität zu verzichten. Diese steht einem stärkeren Engagement auf der Weltbühne nicht im Weg. Neutralität bedeutet im Kern den Verzicht auf eine militärische Parteinahme im Konfliktfall. Das ist auch bei einer Mitgliedschaft im Sicherheitsrat garantiert.

Die Schweiz könnte von niemandem gezwungen werden, sich mit Soldaten an bewaffneten Auseinandersetzungen zu beteiligen. Wer Neutralität hingegen als Gesinnungsneutralität versteht, ist im Zweiten Weltkrieg stehen geblieben. Damals war die Schweiz angesichts des Gemetzels zwischen unmittelbaren Nachbarn gut beraten, den Kopf einzuziehen. Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Eine Kandidatur ist im Interesse aller, die stolz auf die Schweiz und ihre Stärken sind. Das Land ist weltoffen, pragmatisch und verlässlich. Das Rote Kreuz wurde hier gegründet. Zahlreiche internationale Organisationen haben ihren Hauptsitz zwischen Zürich und Genf. Es gibt vier Landessprachen, Wirtschaft und Gesellschaft sind stark vernetzt. Die Frage, ob sich das Land selber so wahrnimmt oder generell lieber auf Abschottung und nationale Alleingänge setzt, ist gerade in Zeiten unsicherer Beziehungen zu Europa von grösster politischer Bedeutung.