Der Fall erscheint unglaublich. Die verweigerte Einbürgerung der 25-jährigen Funda Yilmaz in Buchs wird entsprechend intensiv diskutiert. Die Fakten: Tochter türkischer Einwanderer, hier geboren und zur Schule gegangen, Lehre als Zeichnerin, sicherer Job, verlobt mit einem Schweizer, einwandfreier Leumund. Ist man mit diesem Background automatisch integriert? Reicht es, das Leben einer durchschnittlichen Mittzwanzigerin zu führen, um schweizerisch genug zu sein? Oder müssen Ausländer die besseren Schweizer sein als die Schweizer, um Schweizer werden zu dürfen? Ist der rote Pass ein Zückerli für besonders Beflissene, oder ist er nur eine logische Konsequenz aus verschiedenen, objektiv messbaren Faktoren? Ein Gnadenakt oder ein Verwaltungsakt?

Betrachten wir den Fall Funda Yilmaz genauer. Unbestritten ist, dass sie perfekt Schweizerdeutsch spricht und die formalen Einbürgerungskriterien (Wohnsitz, keine Vorstrafen, keine Steuerschulden etc.) erfüllt. Auch beim schriftlichen Staatskundetest hatte sie alle Antworten richtig. Sie habe das auswendig gelernt, behauptet die Buchser Einbürgerungskommission, Funda Yilmaz beteuert das Gegenteil. Fakt ist, dass sie bei den anschliessenden Einbürgerungsgesprächen nicht besonders gut war. Aus purer Nervosität, sagt sie.

Buchs: Junge Türkin als Schweizermacher-Opfer – «Ich kann es nicht verstehen»

Buchs: Junge Türkin als Schweizermacher-Opfer – «Ich kann es nicht verstehen»

Die 25-jährige Türkin Funda Yilmaz darf nicht Schweizerin werden – trotz perfektem Schweizerdeutsch, einwandfreiem Leumund, stabiler Lebenssituation, Pläne für ein Studium und mit 100 Prozent bestandenem Staatskundetest. Sie kann die Ablehnung ihrer Einbürgerung nicht verstehen.

Der az liegt das Protokoll des ersten Gesprächs vor. Die Sachfragen beantwortet sie überwiegend richtig – sie weiss zwar nicht, wie die Berge bei Engelberg heissen, aber sie kennt den Caumasee. Verwechselt die Zahlen bei der Notrufnummer, weist aber darauf hin, dass sie für den Notfall ein Kärtli im Portemonnaie habe, weil sie immer so schnell nervös werde. Sie kennt den Bachfischet nicht, dafür die Fasnacht in Rheinfelden und das Fischessen in Hunzenschwil. Sie nennt als typische Schweizer Sportarten Chlaus-Chlöpfen und Skifahren, die Kommission wollte Schwingen und Hornussen hören. Sie weiss, dass Ostern gefeiert wird, aber nicht, weshalb.

Weiss, dass sie das Öl aus der Fritteuse nicht in den Abfluss leeren darf, kann jedoch nicht auswendig sagen, wo es stattdessen hinkommt. Geht nicht an Gemeindeveranstaltungen, aber schaut das Feuerwerk am 1. August. Kann fast alle Nachbargemeinden von Buchs und fast alle Nachbarkantone aufzählen, macht aber je einen Fehler. Sie kennt die Buchser «Freizeitwerkstatt» nicht, dafür das Besucherzentrum der Chocolat Frey und das Technorama. Kurz: Eine normale Mittzwanzigerin, nicht ungebildet, aber auch nicht top-informiert, nicht unbedingt im Dorf, aber in der Schweiz zu Hause. Wo sonst.

«Sie lebt in ihrer kleinen Welt und zeigt kein Interesse, sich mit der Schweiz und der Bevölkerung auf einen Dialog einzulassen.» Dieser Satz, eine Aktennotiz der Einbürgerungskommission, hat Funda Yilmaz am meisten verletzt. Und er ist nicht nachvollziehbar, wenn man sie näher kennen lernt. Indes: Ein Einbürgerungsgespräch dauert nur kurze 45 Minuten. Die zwei Gespräche zwischen Funda Yilmaz und der Einbürgerungskommission waren, soweit im Protokoll ersichtlich, keine Glanzleistungen. Auf beiden Seiten nicht. Die Kommission hätte sich auch fragen können, wie plausibel es ist, dass jemand das komplette Schweizer Schulsystem inklusive Lehre durchläuft und ein paar Jahre später scheinbar nicht mehr weiss, wo der Titlis steht.

Mit ihrer Laufbahn hat Funda Yilmaz den Tatbeweis erbracht, dass sie integriert ist. Oder anders gesagt: Wenn sie damit noch nicht schweiz-tauglich ist, ist das eine Bankrotterklärung für unser Schulsystem.

Man hat probiert, die Einbürgerungsverfahren zu versachlichen und zu professionalisieren – und ist über das Ziel hinausgeschossen. Stichwort: Augenmass.

Die Buchser Einbürgerungskommission ist zweifellos erfahren. Aber im Fall Funda Yilmaz hat sie zu hohe Massstäbe angesetzt. Eine Gesamtwürdigung hauptsächlich auf die verunglückten Einbürgerungsgespräche abzustellen, mag zwar regelkonform sein, aber richtig ist es nicht.