Analyse

Eine Frage der Kultur

Andreas Schaffner
Der Akku des neuen Galaxy Note 7 hat Spuren hinterlassen – nicht nur bei den betroffenen Geräten, sondern auch bei Samsung selbst. SHAWN L. MINTER/Keystone

Der Akku des neuen Galaxy Note 7 hat Spuren hinterlassen – nicht nur bei den betroffenen Geräten, sondern auch bei Samsung selbst. SHAWN L. MINTER/Keystone

Nicht nur die betroffenen Geräte, sondern auch Samsung nimmt Schaden an den skandalträchtigen Akkus des Galaxy Note 7. Der Fall zeigt, wie eine nur auf blinden Ehrgeiz getrimmte Firmenkultur ins Verderben führen kann - eine Analyse.

Der südkoreanische Technologiekonzern Samsung stoppt den Verkauf des Galaxy Note 7. Die Probleme, die der weltgrösste Handyhersteller mit seinem neuen Smartphone hat, werden den Konzern teuer zu stehen kommen. Im dritten Quartal soll der Gewinn nur noch bei 4,5 Milliarden Franken liegen. Das ist ein Drittel weniger als erwartet. Auch der Umsatz dürfte weitaus geringer ausfallen.

Es geht aber um weit mehr: Es geht um das Vertrauen in eine Branche und in eine Technologie. Denn das neuste Smartphone, das Apples iPhone in den Schatten stellen sollte, ging bekanntlich wegen seines Akkus in Flammen auf. Auch die zweite Serie, mit der man den Schaden beheben wollte, soll schadhaft sein. Bereits macht deshalb das Schlagwort «Akku-Gate» die Runde.

«Akku-Gate» bei Samsung wirft ein schiefes Licht auf die Branche

Was bei Samsung passiert ist, ruft also auch Fragen auf, die alle modernen Handys betreffen. Das Wettrüsten mit immer raffinierteren Komponenten wie lichtstarke Kamerasensoren, hochauflösende Displays und schnelle Prozessoren saugt immer stärker am Akku. Die Technologie hinkt jedoch laut den Experten des Vergleichsdienstes Comparis dieser Entwicklung hinterher: Chemische Prozesse in modernen Lithium-Polymer-Batterien lassen sich offensichtlich nicht beliebig verbessern. Die Kapazität der Akkus kann nicht ewig gesteigert werden. Die hohe Menge an Energie auf kleinstem Raum, sie kann schon heute schnell ausser Kontrolle geraten, wie der Fall Samsung zeigt. Es sind also ausgerechnet die Batterien, die Schwierigkeiten bereiten. Die Probleme bei Samsung scheinen aber nicht nur auf die Akku-Technik an sich zurückzuführen zu sein, schreibt der Technik-Blog Heise. Nach früheren Angaben der US-Verbraucherschutzbehörde sei ein Grund für die Probleme beim ursprünglichen Note 7 gewesen, dass Akkus etwas zu gross für den Platz im Gehäuse geraten seien und es dadurch beim Einbau zu Kurzschlüssen kommen konnte.

Die Negativschlagzeilen werfen auch Schatten auf den Konzern selbst, der 1938 als Handelshaus gegründet wurde und längst nicht nur Handys herstellt, sondern auch Bildschirme und andere Komponenten. Spätestens wenn Fluglinien keinen Passagier mit dem jüngsten Samsung-Telefon an Bord lassen, ist das für das erfolgsverwöhnte Unternehmen nicht nur peinlich. Nein, es besteht die Gefahr, dass das Image nachhaltig leidet. Und was für Samsung schlecht ist, ist auch für Südkorea ungemütlich: Der Mischkonzern, der in dritter Generation vom mächtigen Lee-Clan geführt wird, ist für fast einen Drittel der Exporte Südkoreas verantwortlich. Der Umsatz macht einen Fünftel des Bruttoinlandprodukts des Landes aus, der Wirtschaftsleistung also. Noch lässt sich das Debakel zwar am Aktienkurs nicht festmachen. Im Gegenteil: Trotz der Handy-Pleite ist der Kurs an der Börse auf ein Rekordhoch gestiegen. Wobei dies vor allem daran liegt, dass das Unternehmen für die Aktionäre eine milliardenschwere Sonderdividende in Aussicht gestellt hat.

Auch bei Volkswagen steht die
Firmenkultur auf dem Prüfstand

Der Fall Samsung zeigt jedoch auch, wie eine nur auf blinden Ehrgeiz getrimmte Firmenkultur – die wenig internen Widerspruch duldet – ins Verderben führen kann. Nach Angaben der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg wurde firmenintern massiv Druck gemacht, um das neue Samsung-Smartphone früher als der Rivale Apple sein iPhone 7 auf den Markt zu bringen. Samsung gilt als extrem hierarchisch geführtes Unternehmen und hatte in den vergangenen Jahren mit Umsatzrückgängen zu kämpfen. Parallelen zu anderen Produkte-Pannen werden gezogen. Etwa zur Diesel-Affäre bei Volkswagen. Auch hier sieht es so aus, dass die Software, welche die Schadstoffwerte im Testzyklus manipuliert, mit Wissen des Managements in den Diesel-Fahrzeugen eingebaut wurde. Auch hier wurden zuvor von der obersten Führungsetage ehrgeizige Ziele formuliert, nämlich weltgrösster Fahrzeughersteller zu werden und in den USA – dank den Dieselfahrzeugen – endlich Fuss zu fassen. Auch hier schien offenbar jedes Mittel Recht, um dieses Ziel zu erreichen. Kein Wunder, will nun der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller nach dem Skandal nicht nur die Konzernstruktur, sondern auch die Unternehmenskultur des Autoherstellers «neu justieren». Auch Samsung hat sich im Frühling eine neue Firmenkultur verordnet. Zu spät, wie man heute weiss.

andreas.schaffner@azmedien.ch

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Andreas Schaffner

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