Olympische Spiele und Politik

Eine Geisel der Doppelmoral

Unschuld verloren: Je grösser die Olympischen Spiele wurden, desto gezielter wurden sie von der Politik instrumentalisiert.

Unschuld verloren: Je grösser die Olympischen Spiele wurden, desto gezielter wurden sie von der Politik instrumentalisiert.

Ein Essay von «Nordwestschweiz»-Sportredaktor Simon Häring zu den Olympischen Spielen in Pyeongchang.

Als Anfang Februar IOC-Präsident Thomas Bach das olympische Dorf in Pyeongchang eröffnete, liessen die Organisatoren weisse Tauben steigen. Sie gelten als Symbol für Frieden, Liebe und Unschuld. Und sie waren gefälscht, die Tauben mit Helium gefüllte Ballons.

Man kann das als Randnotiz abtun, vielleicht steht es aber auch für die Doppelmoral, welche die olympische Bewegung in ihren Klauen hält. Die Wettkämpfe, so zeichnete Begründer Pierre de Coubertin seine Vision, sollten zur Verständigung beitragen, die Toleranz unter den Nationen fördern.

Doch im Spiegel politischer Strömungen und Ereignisse erweist sich diese Moral als Doppelmoral. Zerbricht die Utopie regelmässig an der der Realität. Olympische Spiele sind
zur Bühne für Selbstdarsteller, Demagogen, Autokraten und Propagandisten geworden.

Nirgendwo zeigt sich das mehr als an den prunkvollen Eröffnungsfeiern. Das war auch in Pyeongchang nicht anders. Unter dem Deckmantel der Bescheidenheit bei der Darbietung unter dem Motto «Frieden in Bewegung» versteckten sich zahlreiche politische Botschaften.

So liefen Nord- und Südkoreaner gemeinsam zu den Klängen des koreanischen Volkslieds «Arirang» ein. Darin wird das Überschreiten eines Passes besungen. Für die 25 Millionen Nordkoreaner, die unter dem totalitären Regime von Kim Jong Un zum Teil in bitterer Armut leben, muss sich das wie blanker Hohn angefühlt haben.

Der unheimliche Auftritt von Nordkoreas «Armee der Schönen»

Der unheimliche Auftritt von Nordkoreas «Armee der Schönen» (Beitrag vom 12. Februar 2018)

Sie sind die heimlichen Stars von Pyeongchang: Die 229 Cheerleaderinnen aus Nordkorea. Militärisch gedrillt feuern sie ihr Team an. Es ist nicht das erste Mal, dass die «Armee der Schönen», wie Kims Girls genannt werden, ihre Landsleute unterstützen.

Nordkoreas Goldmedaille für ein absurdes politisches Schauspiel

Auf der Tribüne lächelte seine Schwester Kim Yo Jong, die im Vorfeld den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae zu einem Treffen in den Norden eingeladen hatte. Es wird sich weisen, ob es mehr war als ein schönes Lippenbekenntnis. Sie schüttelte Hände – und sass bei der Eröffnungsfeier praktisch neben dem amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence.

Gäbe es eine Goldmedaille für politisches Schauspiel, Nordkorea hätte sie für diese Inszenierung verdient gehabt. Geblendet von der «Geste der Versöhnung», wurde Kim Yo Yong kurzerhand zur «Politprinzessin Nordkoreas» oder zur «Ivanka Trump des Westens». Es ist schwer, das an Absurdität zu überbieten. Später sorgte die «Armee der Schönen», das in den Süden entsandte Jubelkommando, gleichermassen für Verstörung wie für Faszination.

Nur wenige Worte wurden darüber verloren, dass diese 229 Frauen 100 Kilometer vom Austragungsort entfernt kaserniert leben – in der Einöde, ohne eine Verbindung zur Aussenwelt. TV-Satelliten wurden abgebaut, Handys besitzen Kims Klatschpuppen nicht. Ihnen ist es untersagt, mit Aussenstehenden zu sprechen.

Doch statt diese unwürdigen Vorgänge anzuprangern, macht die olympische Bewegung den Bückling. Sie lässt Kim im Schaufenster der Welt ein Pfauenrad schlagen. Die monumentalen Inszenierungen, die politischen Lippenbekenntnisse – man lässt sie müde lächelnd über sich ergehen.

Doch wieso? Vielleicht, weil die Olympischen Spiele ihre Unschuld verloren haben. Die sportlichen Glanzlichter überdecken, dass die Krise längst zum Normalzustand geworden ist. 2002 der Bestechungsskandal in Salt Lake City, 2004 das Bauchaos in Athen, 2008 die Debatte um Menschenrechte in Peking, 2014 der Gigantismus von Sotschi. Tagesordnung.

Je grösser die Spiele wurden, desto gezielter wurden sie von der Politik instrumentalisiert. Erstmals 1936 in Berlin, wo den Teilnehmern der «Heil Hitler»-Gruss mit ausgestrecktem Arm abverlangt wurde. Nur die Amerikaner mit dem dunkelhäutigen Jesse Owens verweigerten die devote Geste und wurden vom Publikum ausgepfiffen. Es war das Jahr, als die Olympischen Spiele ihre Unschuld verloren.

Beispiele? 1956 boykottierte die Schweiz aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Ungarn die Spiele in Melbourne. 1980 blieben 42 (!) Staaten Moskau aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan fern. 1984 «revanchierten» sich die Sowjets und 18 «verbündete» Staaten mit dem Fernbleiben von Los Angeles und veranstalteten stattdessen die «Wettkämpfe der Freundschaft».

Die Gigantomanie, die Täuschung der Welt mit bombastischer Schaufensterdekoration, glanzvollen Wettkämpfen in einer Kulisse überwältigender Architektur, wie sie Berlin 1936 inszeniert hat, ist kein einmaliger Schandfleck der olympischen Geschichte. Er hat System. Denn die Nazi-Spiele haben vielmehr gezeigt, welch immense Strahlkraft das Schauspiel haben kann. Das wachsende Interesse der Medien und später des Fernsehens haben diese Wirkung nur noch potenziert. Es lässt die Ausrichter über Leichen gehen.

Umsiedlungen, Rezession und faule Kompromisse im Namen der Ringe

Russland liess sich Sotschi 50 Milliarden Franken kosten, zahlte den Gastarbeitern aber Hungerlöhne. Immer wieder kam es zu tödlichen Unfällen. Für die Spiele in Peking wurden eine Million Menschen (!) umgesiedelt. Brasilien rutschte nach Rio de Janeiro 2016 in die schlimmste Rezession der Geschichte.

Den Preis für das Schauspiel zahlt immer das Volk. Wo es sich dagegen wehren kann, tut es das. Regelmässig scheitern Kandidaturen an der Urne. Olympische Spiele finden immer öfter dort statt, wo nicht das Volk, sondern politische Eliten das Sagen haben. Wie in vier Jahren in Peking wieder.

Das IOC verfolgt indes mit erschreckender Hilflosigkeit, wie sich die Weltpolitik seine Spiele zu Eigen macht. Statt Russland nach dem Staatsdoping auszuschliessen, ging man einen faulen Kompromiss ein und liess die Athleten unter der neutralen, weissen Flagge mit den fünf olympischen Ringen starten.

Nur das verhinderte die Entzweiung der olympischen Familie. Es zeigt aber auch, wie illusorisch eine Entflechtung von Sport und Politik geworden ist. «Das IOC ist keine Weltregierung, die Länder in Gut und Böse einteilt», sagte IOC-Präsident Tho-
mas Bach. Was er nicht sagte: Die Spiele sind vielmehr eine Geisel. Der Sport soll eine bessere Welt sein. Doch im Kern ist er weder besser noch schlechter, sondern bloss ein Spiegel.

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