Kolumne

Er liebt, wie er isst

Maria Brehmer
«Mein Favorit? Der Allesesser!»

«Mein Favorit? Der Allesesser!»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Liebhaber- oder Freund-Potenzial geprüft am Essverhalten.

Nein, den Fisch bestelle er nicht, der «fischele» sicher. Er nehme Fleisch. Ob sie ihm eine Extraportion Sauce dazu servieren könnten? Wein? Ja, vielleicht ein Schlückchen. Aber nicht grad eine Flasche, die Margen auf Getränke seien einfach viel zu hoch in der Schweiz, darum gehe er eigentlich sowieso lieber in Deutschland essen, da sei alles billiger.

Zugegeben, ganz genau so hat sich dieses Erstes-Date-Tischgespräch nicht zugetragen. Vielleicht ist das Gespräch auch nur die Kondensation aus mehreren Essen mit Männern, die ich besser kennenlernen wollte – und die zur Gastronomie eine ziemlich andere Einstellung haben als ich.

So oder so: All diese Sätze hörte ich bereits aus Männermündern, und wie Sie unschwer erkennen können, habe ich wenig übrig für potenzielle Liebhaber/Freunde/Ehemänner, die nicht unbeschwert essen. Denn: Männer lieben, wie sie essen. Und ist da keine Sinnlichkeit, brauche ich mich gar nicht erst auf jemanden einzulassen. Vergessen Sie die Analyse seiner vergangenen Beziehungen oder seines Elternkomplexes: Alles, was Sie brauchen, um jemanden auf sein Liebhaber- oder Freund-Potenzial hin zu prüfen, ist ein Blick auf sein Essverhalten. Darum hier eine (nicht ganz ernst gemeinte) Typologie.

Der «Schnäderfrässige» mag nur wenige Dinge und stochert in seinem Essen herum. Er hat eigentlich keine spezifischen Abneigungen, und lässt dann trotzdem die Hälfte auf dem Teller liegen, mit der Begründung, es sei nicht fein.

Wenn er etwas «grusig» findet, ist davon auszugehen, dass er nicht nur gegenüber Nahrungsmitteln respektlos ist. Der «Schnäderfrässige» ist selten daran interessiert, irgendwelche Grenzen auszuloten. Dafür weiss er genau, was er will: Hat er jemanden ins Auge gefasst, tut er einiges dafür, das Herz der/des Auserwählten zu erobern.

Der «Bequeme» bestellt und isst nur, was er kennt. Der «Bequeme» hat zudem Angst, dass er nicht satt wird, weswegen er üppige Speisen und währschafte Restaurants bevorzugt. Als seine Partnerin/sein Partner hat man es schwer, ihn mit Essen zu beglücken, denn er ist der Überzeugung, dass es zu Hause bei Mami immer noch am besten schmeckt. Der «Bequeme» begibt sich nur selten aus seiner Komfortzone. Er ist ein Gewohnheitstier, das in einer Beziehung wenig Initiative zeigt. Der «Bequeme» ist treu und verbringt seine Abende mit seiner/seinem Liebsten auf dem Sofa.

Der «Allesesser» isst, was auf den Teller kommt. Vom 7-Gänge-Degustationsmenü bis zum vietnamesischen Schalentier-Streetfood: Der «Allesesser» isst mit Neugier und bestellt auch einmal all das auf der Karte, wovon er keine Ahnung hat, was es ist. Der «Allesesser» ist äusserst locker im Umgang, was zuweilen in eine ausgeprägte Unentschlossenheit münden kann. «Allesesser» sind gute Liebhaber.

Der «Gourmet» mag nur das Teuerste. Führt er eine Frau aus, dann ins beste Restaurant der Region, in dem er den Besitzer beim Vornamen nennt und, ohne einen Blick in die Karte geworfen zu haben, das Menü mit den meisten Gängen bestellt. Seine Weinkenntnisse behält er ungern für sich. Er bestellt nicht den Teuersten, denn das würde ihn als Angeber outen. Der «Gourmet» verwöhnt seine/n Angebetete/n, doch das kann schnell langweilig werden oder zu einem Gefühl von Bevormundung führen. Aufgepasst vor Narzissten!

Ich bin übrigens der Typ «Allesesser»/ «Gourmet». Darauf steht nicht jeder.

«Ist es wirklich nötig, dass wir etwas essen heute Abend?», fragte mich einmal jemand beim ersten Treffen. Aus uns wurde nichts.

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