Es passierte, da war ich neun. Ich schaute «Pretty Woman» – und meine Meinung übers Anbandeln war für immer verdorben. Fast nichts, was ich über das Flirt- und Annäherungsverhalten von Männern zu wissen glaubte, basierte von da an auf meinen eigenen Erfahrungen. Denn von Beginn meines jungen Frauseins an bläuten mir Mädchen- und Frauenmagazine, viele andere Frauen und viele weitere Filme ein: Ein Mann muss die Frau erobern. Mit einem monströs grossen Haufen an Aufmerksamkeit.

«So ein Idiot!»

Wenn ich einen Mann frisch kennen lerne, flirte und sich vielleicht sogar etwas anzubahnen scheint, bin ich immer verunsichert. Wie damals, als ich ihn – nennen wir ihn Tim – kennen lernte. Wir gingen essen, nahmen ein paar Drinks, lachten viel. Es funkte. Ich war ein bisschen glücklich. Anders meine Freundin. «So ein Idiot. Wenn er sich keine paar Minuten Zeit nimmt, um dir etwas Nettes zu antworten, dann hat er dich auch nicht verdient!» Seit ein paar Tagen hatte sich Tim nur noch spärlich gemeldet. Was mich schon etwas irritierte. Vielleicht sogar beunruhigte. «Er nimmt seine Arbeit einfach sehr ernst, da kann er sich nicht auch noch die ganze Zeit um mich kümmern», antwortete ich. Meine Freundin schaute mich an, als hätte ich gerade behauptet, Kin Jong Un sei irgendwie sexy.

Als Frau hat man zwei Möglichkeiten, wenn sich ein Mann nicht so verhält, wie man es sich vorstellt: Ihn entweder ganz schnell abschreiben mit der Begründung, er zeige nicht genug Einsatz in seinem Eroberungskampf. Oder aber fieberhaft nach Gründen suchen, warum sich der Angebetete genau so und nicht anders verhält – die Variante, die ich oft bevorzuge. Durch langjährige Erfahrung auf dem Markt der Beziehungsanbandelnden weiss ich: Keine der Möglichkeiten macht langfristig glücklich.

Früher war es «Pretty Woman», heute ist es die «Bachelorette»

Wir Frauen sind überzeugt, potenzielle Partner müssten gewisse Dinge tun, um uns zu «verdienen». Früher war es «Pretty Woman», heute ist es die «Bachelorette»: Wir sehen, wie Männer viele teure Geschenke machen, die Frau ihrer Träume zu jedem Zeitpunkt des Tages uneingeschränkt vergöttern, wie sie Heiratsanträge auf Knien machen, mit Tränen in den Augen und einer Rose im Mund. Wer nicht auf die grossen Gesten steht, der erwartet doch zumindest, dass Männer sich jeden Tag melden. Immer zuhören. Und sicher nie aufs Handy gucken, wenn man gerade beim Essen im Restaurant sitzt.


Glauben Sie wirklich, liebe Leserin, dass Sie es ihm «nicht wert» sind, wenn er beim ersten Date nicht die ganze, sondern nur die halbe Rechnung bezahlt? Dass er Sie weniger begehrt, weil er nicht binnen Minuten auf Ihre Textnachricht reagiert? Wir kennen die Gründe der Männer nicht, und das müssen wir auch nicht. Wenn ich von einem Mann nicht erwarte, was ich mein Leben lang lernte, mache ich damit nicht nur mir, sondern auch ihm das Leben leichter.

Aus welchen Gründen sich Tim damals ein paar Tage lang kaum mehr meldete, weiss ich bis heute nicht genau. Eines Abends rief er mich einfach wieder an. Ich fragte ihn, warum er die Funkstille brauchte. «Ich musste da ein paar Dinge klären», sagte er. Welche, verriet er mir nicht. «Völlig okay!», antwortete ich. Und merkte, wie ich plötzlich verunsichert war. Was ich hingegen wusste: Eine Beziehung wollte ich nicht mit diesem Mann.