Gastkommentar

Es lebe die Aufklärung

Auch wenn wir es nicht immer so klar sehen: Die Schweiz ist auf Vernunft, Ausgleich und Respekt aufgebaut.

Unsere weisen Staatsgründer haben 1848 inmitten leidenschaftlicher Imperien den ersten Vernunftsstaat Kontinentaleuropas gegründet. Als einzige haben sie die bürgerliche Revolution erfolgreich zu Ende gebracht und mit der weitgehenden Übernahme der amerikanischen Verfassung eine moderne Republik gegründet. Schrittweise wurden die Volks- und Minderheitenrechte ausgebaut und so der innere Ausgleich der 26 Kantone, 2200 Gemeinden, 4 Landessprachen, mehrerer Konfessionen und unzähliger lokalen Traditionen abgesichert. Unsere Klammern heissen nicht Religion oder Sprache, sondern Verfassung, Institutionen und permanente Abstimmungs-Politik zur Justierung.

Die aktuelle Zustimmung zur Ausweitung der Antirassismus-Strafnorm und die gleichzeitige Ablehnung der Wohnrauminitiative zeigt die routinierte Reife. Öffentliche Hetze gegen Homosexuelle schadet der Zielgruppe und der ganzen Gesellschaft, sie gehört also ins Straf­gesetzbuch aufgenommen; und eine nationale Einheitsvorgabe an die unterschiedlichen lokalen Wohnungsmärkte überzeugt weder sachlich noch staatspolitisch, sie gehört also abgelehnt. Resultate zwischen 51 und 60 Prozent Ja gegen eine grosse Minderheit sind die Regel, der Respekt vor ihr ist die Basis für die gemeinsame Weiterentwicklung der Gesellschaft.

In diesem Sinn sind wir die politischen Kinder der Aufklärung und der folgenden Revolutionen. Rationales Denken als Basis für Fortschritt, Vernunft als Urteilsinstanz, die Überwindung von Vorurteilen durch kritische Öffentlichkeit und Diskurs ermöglichen eine vernunftorientierte Gesellschaft. Die Toleranz gilt der anderen Meinung, im Wissen, dass die Gegenposition richtig sein könnte – oder unter neuen Umständen werden könnte.

Wie wir derzeit sehen können, ist die europäische Aufklärung allerdings nicht abgeschlossen, sondern teilweise gar auf dem Rückzug. An den politischen Rändern gewinnen Parteien mit simplen Parolen, Ressentiments und Vorurteilen an Zuspruch, und sogar der akademische Betrieb – eigentlich der Übungsraum des kritischen Denkens – erlebt die Zurückeroberung durch Glaubensgruppen. Diese wollen nicht mehr argumentieren, sondern vorgefasste Positionen für alleingültig erklären. Insbesondere im deutschsprachigen Raum sind wieder mittelalterliche Bussprediger unterwegs, neu im Gewand sich «links» nennender Aktivisten, um mit Störaktionen ihre vermeintlich höhere Moral zu demonstrieren. Doch wo (kritisches) Denken fehlt, gerät der anmassende Auftritt rasch zur vollständigen Regression, über adoleszente Freiheiten hinaus.

So geschehen kürzlich an der Universität Frankfurt an einer Podiumsdiskussion mit der algerischen Frauenrechtlerin Naila Chikhi. Sie setzt sich als Muslimin für Säkularismus ein und hält Religion für Privatsache. Weil sie es wagte, das Kopftuch als patriarchales Symbol des politischen Islams zu kritisieren, wurde das Podium von «Studis gegen rechte Hetze» gestört. An der Aktion beteiligte Islamisten verlangten eine verhüllte Frau auf dem Podium und verweigerten die weitere Diskussion.

Wie die Realität aussieht, wenn Islamisten die Macht übernehmen, hat sich (einmal mehr) in Rojava bzw. Nordostsyrien gezeigt. Dort sind im Oktober 2019 nach dem Verrat an den Kurden Invasionstruppen mit ihren islamistischen Söldnern eingedrungen, wie schon einige Monate vorher in Afrin. Gezielt wurde die breit geschätzte Frauenrechtlerin und Friedenspolitikerin Hafrin Khalef (35) angehalten und samt Begleitern erschossen. Am internationalen Tag der Frau, am 8. März 2019, verteilte Yasaman Aryani (24) mit ihrer Mutter in der Teheraner U-Bahn Blumen gegen den Verhüllungszwang. Urteil für beide: 16 Jahre Gefängnis.

Ihnen gehören die Solidarität, die kritischen Gedanken an den Hochschulen, in den Medien und Politik. Das Projekt Aufklärung ist noch lange nicht abgeschlossen.

Der Autor führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.

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