Eine Literaturredaktorin kann nicht ihr ganzes Leben zwischen Buchdeckeln verbringen. Ich gehe mitunter gerne in die Berge. Letztes Jahr habe ich mich zur Tourenleiterin ausbilden lassen. «Was, DU bist hier die Tourenleiterin?», begrüsste mich mein allererster Gast auf meiner allerersten Skitour. Der arme Kerl, nun musste er also hinter einer wie mir auf den Gipfel kriechen!

Ich bin gut trainiert, die ganzen Winterferien war ich im Schnee. «Ist das Tempo okay?», fragte ich im Aufstieg meine Gruppe, ganz wie ich es gelernt hatte. «Du kannst grad vergessen, dass hier einer ein langsameres Tempo verlangen wird», sagte die einzige Teilnehmerin, «nicht bei einer Männergruppe, die von einer Frau auf den Berg geführt wird!» Wahrscheinlich hatte sie recht. Einer jedenfalls blieb auf halbem Weg auf der Strecke. Er ging in die Beiz, ihm war schwindlig geworden. Gut, vielleicht hatte er schon länger ein Kreislaufproblem.

Ein anderer schaltete ein bisschen auf Flirtmodus. Mit amüsierter Souveränität schien er sich in sein Schicksal zu fügen. Oha, dachte ich erfreut, das gibt es also auch! Später erzählte er mir, er selber sei auch Tourenleiter – für Hochtouren, die höhere Kategorie. Daher also die Gelassenheit.

In den Bergen zeige sich das wahre Gesicht der Menschen, heisst es gerne in Managerkreisen. Eben.