Manchmal steckt der ganze Sinn eines Satzes in der Form, nicht im Inhalt. Die Frage im Bus, Zug oder Tram ist so alt wie der Verkehr: «Ist hier noch frei?» Diese Frage mag tatsächlich albern sein, angesichts des freien Platzes, den jeder sieht. Es sei denn, man ist blind. Die Frage aber drückt höfliches Benehmen aus und ist eher Signal als Erkundigung.

Auch dieses Phänomen haben Soziologen untersucht. Unter dem Obertitel: «Das Revierverhalten des Menschen im Alltag». Die Wissenschaft sagt darüber etwas, das geradezu phänomenal ist, wenn man bedenkt, dass es weltweit kaum drei oder vier psychologische Grundelemente gibt, die von allen Menschen gleich aufgefasst werden. Dazu gehört die Frage «Ist hier noch frei?» und die Reaktionen darauf.

Das Revier wird verteidigt, so lang es geht. Hauptsächlich mit Zeichen der Abweisung: mürrische Miene, breites Hinfläzen, psychiatriereifes Getue, ausgelagertes Gepäck, verteilte Kleider, laute Musik und so weiter. Eine amerikanische Soziologin studierte all das anhand von zahllosen Beispielen im Greyhound-Bus. Und sagt: «Interessant, dass es weltweit einen ungeschriebenen Kodex für solche Situationen gibt.» Nicht sprechen und Abstand halten – das ist die Norm. Ungebrochen bis heute seit der allerersten Busstation, genannt Neandertal.