Genau dann, wenn man glaubt, etwas begriffen zu haben, begreift man, überhaupt nichts begriffen zu haben. Was wir begreifen: Das Medienverhalten der Jungen hat sich mit Social Media verändert. Unter anderem tragen wir Medienschaffenden dieser Entwicklung Rechnung, indem wir versuchen, die Jungen auf ihren Social-Media-Plattformen zu erreichen.

Indem wir neue Formate entwickeln, unser Inhalte auf den digitalen Kanälen frisch erzählen. Eine «10 vor 10»-Geschichte kommt auf Instagram komplett anders daher als auf dem TV-Kanal. Nur: So einfach ist das Ganze nicht. Oder haben Sie schon von «Finsta» und «Rinsta» gehört?

Am Rande eines Aufenthaltes in Boston besuchte ich das Berkman Klein Center, ein Institut, das sich mit Themen rund ums Internet und die Gesellschaft befasst. Ein Schwerpunkt ist die Jugend. Ich traf also eine Gruppe kluger, engagierter Menschen. Sie erzählen von ihren Forschungsaufgaben.

Am Rande der Diskussion erzählt mir Tanvi Kanchinadam, sie habe einen Podcast über «Finsta» und «Rinsta» realisiert. Das Insta-Konto, so führte Tanvi aus, also das Instagram-Konto, sei eine Grösse, die so ja kaum mehr existiere. Viele Junge hätten mittlerweile mindestens ein «Rinsta»-Konto und ein «Finsta»-Konto gleichzeitig.

Private Räume zurückerkämpft

Das «Rinsta» stehe für «Real Instagram». Hier präsentiert sich ein junger Mensch so, wie man ihn gemäss Instagram-Kultur sehen soll. Unverfänglich, auf Hochglanz poliert, strategisch geschickte Hashtags inklusive, mit unverfänglichen Fotos für künftige Arbeitgeber, für Eltern, die unter dem Vorwand, kollegial und cool zu sein, doch nur sehen wollen, ob die Junioren sich richtig verhalten.

Das «Finsta»-Konto hingegen steht für «Fake Instagram». Es ist den engsten Freunden vorbehalten, vielleicht 10, 20 Personen, oft unter einem Insider-Namen erstellt, den Freunde erkennen, Aussenstehende aber nicht. Hier zeigt man sich anders. Direkter, vertrauter, vielleicht auch verletzlicher. Die Likes und Followers sind hier nicht wichtig.

Was sagt uns das? Erstens: Die Ironie wird natürlich sofort klar: Das «falsche» Konto ist wohl meist realer und näher an der eigentlichen Person dran als das «wirkliche» Instagram-Konto. Fake ist ehrlich, und das Reale ist mit Foto-Make-up aufgehübscht. Zweitens: Die Jungen erkämpfen sich – wie das in der Menschheitsgeschichte schon immer der Fall war – ihre privaten Räume zurück. Und das heisst auch, es ist längst nicht mehr die Frage, wie man die Jungen via Instagram erreichen kann, sondern welche Identität der Jungen man erreicht.

Mehr noch. Auch die Dichotomie zwischen real und fake greift zu kurz. Wer zwei Konten hat, kann auch weitere kreieren. Tanvi sagt, ihr Freund Quinn beispielsweise habe ein drittes Konto, das nur für ihn selber bestimmt sei, eine Art virtuelles Tagebuch «for his eyes only». Er nennt das «Quinnsta», Quinns Instagram. Also fassen wir zusammen: Insta, Rinsta, Finsta, Quinnsta. Heisst, es ist alles noch viel komplizierter, aber dafür auch viel faszinierender.

Identität ist eine Suche

Wer nun wiederum meint, nun sei alles klar. Nein, wenig ist klar. Denn da gibt es ja neben Instagram, Snapchat und Co noch so viel mehr da draussen: Vero, eine Social-Media-App etwa, die verspricht, werbefrei zu sein, oder die globale Video-Community Tiktok, ein Portal für ganz kurze Filmchen mit Funktion eines sozialen Netzwerks.

Was als Nächstes kommt, weiss niemand, was das nächste ganz grosse Ding ist, weiss auch niemand. Aber Wissen ist so flüchtig wie nie zuvor. Wer meint, die Jungen begriffen zu haben, wird schnell eines Besseren belehrt. Unberechenbar, vernetzt, vielfältig unterwegs sind sie. Im Marketinggenre spricht man gar von «Liquid Youth» oder einer «Lost Generation», weil sie nicht mehr leicht adressierbar sei.

Solche Kategorien helfen wenig. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass wir nur dann nicht komplett abgehängt werden, wenn wir uns permanent bemühen, die Jungen zu verstehen, mit ihnen zu reden, ihnen zuzuhören. Es zeigt, dass sich das Mediennutzungsverhalten der Jungen nicht nur verändert hat, sondern sich laufend verändert. Dass sich die Jungen ihren Platz in dieser Welt stets von neuem erobern. Identität ist eine Suche. Wer sucht, steht nicht still. Hoffentlich. Gut so.

Also: Vergessen Sie Finsta und Rinsta. Das ist morgen eh schon wieder out.