Rio2016

Leitartikel: «Rio hat den IOC-Bonzen die Grenzen aufgezeigt»

Die Abschlussfeier war nochmals bunt. Doch Rio hat auch seine dunklen Seiten.

Die Abschlussfeier war nochmals bunt. Doch Rio hat auch seine dunklen Seiten.

Klaus Zaugg zum Abschluss der 31. Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro: «Rio hat den IOC-Bonzen die Grenzen aufgezeigt.»

Rio hat uns nicht die besten Spiele der Neuzeit beschert. Einer Neuzeit, die 1984 in Los Angeles mit den ersten kommerzialisierten Spielen begonnen hat. Denn Rio 2016 basiert auf einem Irrtum. Rio hatte den Zuschlag 2009 gegen Chicago, Tokio und Madrid bekommen. Die Welt litt an den Folgen einer globalen Finanzkrise. Brasilien aber boomte und schien Antworten auf alle Fragen gefunden zu haben. Präsident Lula da Silva gehörte zu den charismatischsten Politikern der Welt.

 Inzwischen aber wissen wir: die Zuversicht war voreilig. Brasilien steckt heute in der wahrscheinlich tiefsten Rezession seiner Geschichte und Lulas Nachfolgerin mitten in einem Amtsenthebungsverfahren. Der Bürgermeister von Rio hat seine Olympiastadt bereits für zahlungsunfähig erklärt. Das olympische Spektakel kostet mehr als zehn Milliarden Franken. Die IOC-Bonzen lassen sich ihr «Gelddruck-Festival» von einem Land und einer Stadt finanzieren, die am Rande der dritten Welt steht. Schon nicht mehr ein Irrtum. Eher ein Skandal. Aber es gibt auch eine andere Seite. Rio 2016 hat offenbart, welche Kraft die Menschen in diesem Land haben. Sie meisterten alle olympischen Schwierigkeiten.

Gewiss, die Stimmung war in manchen Arenen trostloser als bei den fadesten Wettkämpfen von Sydney, Athen, Peking oder London. Aber sie war in einzelnen Stadien auch grossartiger, wilder, chauvinistischer als je zuvor. Was in Rio aber fehlte, ist jene durchschnittliche Sportbegeisterung, die in der ersten Welt die Stimmung trägt und für durchweg gut besetzte Stadien sorgt. Aber das ist nur logisch. Der Alltag in Rio ist für sehr viele Menschen rau. Die Wege in die Stadien waren lang und mühselig. Niemand kann erwarten, dass sich jemand für den Kanu-Slalom im olympischen Wildwasser-Zentrum interessiert, der zu Hause nicht mal fliessendes Wasser kennt. Wer doch genug Geld für ein Ticket hatte, ging dorthin, wo es rockte.

Leidenschaft wie beim Karneval

Rio hat uns also nicht die besten Spiele gebracht. Aber auch nicht durchschnittliche. Vielmehr Spiele der Extreme in vielen Bereichen. Spiele in einer Stadt mit Elendsvierteln, aber auch mit den schönsten Stränden der Erde. Mit leeren Stadien, aber auch Wettkämpfen, die von den leidenschaftlichen Fans zu einem Sport-Karneval gemacht worden sind. Und nicht zu vergessen: die Spiele, die geprägt worden sind vom charismatischsten olympischen Athleten der Geschichte. Von Usain Bolt. Nie zuvor hat die olympische Welt einen Athleten gesehen, der in diesem Ausmass beides hat: eine überwältigende sportliche Überlegenheit und ein schauspielerisches Talent, gewürzt mit prickelnder Exotik. Er steht auf Augenhöhe mit Muhammad Ali und eine Stufe über Michael Phelps.

Ohne Atempause vom Alltag

Gerade deshalb gehen die Spiele von Rio weder als die besten noch als die chaotischsten in die Geschichte ein. Sondern als die aussergewöhnlichsten, faszinierendsten, gegensätzlichsten der Neuzeit. Und die lehrreichsten. Rio 2016 hat so ganz nebenbei den IOC-Bonzen die Grenzen aufgezeigt. Auch sie mussten sich in Geduld üben. Die Konfrontation mit Lebenswirklichkeiten hat ihnen sicherlich nicht geschadet. Rio nahm keine Atempause vom Alltag, um während der Spiele perfekt wie die erste Welt zu sein und sofort alle Wünsche zu erfüllen. Die Spiele mussten sich Rio anpassen. Dem Lebensstil und den Alltagsschwierigkeiten der faszinierenden Stadt. Dazu gehören nun mal ein paar letztlich unerhebliche organisatorische Mängel.

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