Kolumne

Mach mich unglücklich! Warum wir uns so oft an die Falschen klammern

«Unser Ego redet uns ein, dass wir erst dann etwas wert seien, wenn uns diese eine Person bestätigt – durch ihre Zuwendung. Auch ich dachte damals, dass mich dieser coole Michael zurückweist, weil ich entweder zu wenig sportlich, zu wenig witzig oder sonst irgendwie unzulänglich war.»

«Unser Ego redet uns ein, dass wir erst dann etwas wert seien, wenn uns diese eine Person bestätigt – durch ihre Zuwendung. Auch ich dachte damals, dass mich dieser coole Michael zurückweist, weil ich entweder zu wenig sportlich, zu wenig witzig oder sonst irgendwie unzulänglich war.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Wie uns die Liebe zu Drogenabhängigen macht.

Ich war 20, und ich war total verknallt in Michael.

Alles begann damit, dass Michael Wochenende für Wochenende in Bars und auf Partys um meine Aufmerksamkeit buhlte. Er war unglaublich nett, brachte mich zum Lachen und begleitete mich nach Hause. Als er meine Aufmerksamkeit dann hatte, verlor er jegliches Interesse – und ich verstand die Welt nicht mehr.

Das kennen alle

Doch anstatt es einfach gut sein zu lassen und «dann halt nicht, schade, merci!» zu sagen, steigerte sich meine Enttäuschung ins schier Grenzenlose, als er auf meine sich mehrfach wiederholenden Annäherungsversuche nicht einmal mit der Wimper zuckte. Nicht das zu bekommen, wonach ich mich so sehr sehnte (was war das eigentlich?), fühlte sich einfach schrecklich an. Und das, obwohl sich der eingebildete Verlust von Michael in meinem Leben wirklich in Grenzen hielt.

«Doch, doch, es gibt Hoffnung!»

Einer der Gründe, warum ich mich so für die Liebe und all ihre Begleiterscheinungen interessiere, ist die Frage, warum sie uns oft so sehr im Griff hat. Ich bin überzeugt, dass jeder und jede solche Geschichten aus dem eigenen Leben kennt, und wenn nicht, dann zumindest die Leidenswege von Freundinnen und Freunden:

«Er meldet sich einfach nicht mehr, er kann mich mal!» – «Er hat sich jetzt wieder gemeldet, wir treffen uns nächste Woche, und ich bin schon so aufgeregt!» habe ich schon gefühlt 100 Mal aus den Mündern meiner Bekannten gehört. Und aus meinem eigenen.

Meine Freundinnen und Freunde und ich klammerten uns alle schon viel zu lange an Menschen, die uns weder richtig toll fanden noch richtig gut behandelten. Sich zu lösen, wenn der Fall sich als hoffnungslos entpuppt: verdammt schwierig.

Unsere Psyche ist schuld – doch wir können lernen

Aus guten Gründen, denn die Liebe ist eine der am abhängigsten machenden Drogen, die die Wissenschaft kennt. Das Belohnungszentrum im Gehirn ist zuständig für das, was wir wollen, und treibt uns an, alles dafür einzusetzen. Bei Liebesentzug wird diese Region noch aktiver – genau wie bei Drogen.

Ablehnung und Zurückweisung stimulieren die Hirnareale, die unter anderem für Motivation, Belohnung und Sucht zuständig sind. Das hat das Team US-amerikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die Bio-Anthropologin Dr. Helen Fisher schon vor Jahren in einer Studie herausgefunden. Diese Erkenntnisse ändern leider nichts an der Tatsache, dass wir hoffnungslos unseren inneren Antrieben ausgeliefert sind – und uns darum selten gegen diesen Zustand wehren können.

Die Hauptverantwortung für langes Klammern an Menschen, die uns nicht wirklich begehren, lauert allerdings in unserer individuellen Psyche, auch das fand die Wissenschaft heraus. Mangelndes Selbstvertrauen oder schlechte Erfahrungen in Sachen Liebe sind die Zutaten für unseren persönlichen Unglücksmix. Unser Ego redet uns ein, dass wir erst dann etwas wert seien, wenn uns diese eine Person bestätigt – durch ihre Zuwendung.

Zu unsportlich, zu witzlos

Auch ich dachte damals, dass mich dieser coole Michael zurückweist, weil ich entweder zu wenig sportlich, zu wenig witzig oder sonst irgendwie unzulänglich war. Erst als er mich einmal zu sich heim einlud und dann doch keine Zeit hatte und mich das erst, blöd grinsend, wissen liess, als ich bereits vor seiner Haustür stand, war für mich der Fall klar.

Die chemischen Prozesse in meinem Gehirn wären mit Sicherheit noch immer dieselben, würde ich mich noch einmal unglücklich verlieben. Doch ein paar Jahre Lebenserfahrung schaffen es tatsächlich, diese Drogen in ihrer Wirkung abzuschwächen. Denn heute weiss ich: Jemand muss mit mir zusammen sein wollen. Will oder kann er das nicht, ist er der Falsche.

Meistgesehen

Artboard 1