Kommentar

Macron wittert seine Chance – und täuscht sich gewaltig

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Der französische Präsident will der EU nach dem Brexit seinen Stempel aufdrücken. Das begrüssen längst nicht alle Mitgliedsländer.

Offiziell herrscht in Paris grosses Bedauern über den Auszug der Briten aus der EU. Spricht man aber mit Franzosen, tönt es ganz anders. Die Briten hätten der Einheit und Kohärenz der Union nur geschadet, hört man im Gespräch immer wieder.

Die Pariser Zeitung «Libération» titelte am Freitag auf ihrer Frontseite in Englisch: «It’s time» – es ist Zeit, dass der Brexit endlich umgesetzt wird. Auch Emmanuel Macron hatte lange darauf gedrängt, dass die Briten so schnell wie möglich austreten sollten. Erst als er einsah, dass er mit dieser Haltung allein dastand, lenkte er auf das neue Brexit-Datum des 31. Januars ein. Vor allem in Berlin kursierte der Vorwurf, der französische Präsident handle wie seinerzeit Charles de Gaulle. Der hatte in den 1960er-Jahren mehr als einmal sein Veto gegen den Beitritt Grossbritanniens zur Europäischen Gemeinschaft eingelegt. Darin äusserte sich das alte Misstrauen zwischen zwei Nationen, die zwar einiges gemeinsam, von einem geeinten Europa aber fundamental andere Vorstellungen haben.

Die französische Regierung freut sich auch offen darüber, dass einzelne Finanzhäuser jetzt ihr Personal von der Themse an die Seine verlegen. Dass der Finanzplatz Paris die Londoner City beerben könnte, bleibt aber französisches Wunschdenken, zumal auch Frankfurt ein Wörtchen mitreden will.

Macron glaubt darüber hinaus, nach dem Brexit seinen Führungsanspruch in Europa besser umsetzen zu können. Mit neuer Energie plädiert er nun für einen integrierten Wirtschaftsraum mit Eurobudget und Steuerharmonisierung. Die deutschen Freunde sehen das allerdings etwas anders, von den kleineren Mitgliedsstaaten ist gar harter Widerstand zu erwarten. Das dürfte in der Rest-EU rasch einmal für neue, zusätzliche Spannungen sorgen.

Macrons Traum von einem französisch geeinten und geführten Europa dürfte damit nicht so schnell in Erfüllung gehen. Geopolitisch, das heisst gegen aussen, verliert die EU ohne London im Gegenteil an diplomatischem Einfluss. Macron täuscht sich: Der Brexit ist für Europa, die EU und letztlich auch für Frankreich «bad news» – schlechte Nachricht.

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