Sollten Sie ein Mann sein, so sieht es derzeit ganz schlecht aus für Sie. «Männer sind grundsätzlich Vergewaltiger, Rassisten – oder eigentlich generell Müll» lese ich in einer Kolumne mit dem Titel «Die Welt dreht durch». Das Thema: die MeToo-Bewegung, inzwischen zu einer umfangreichen Diskussion über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen geworden. Der Tenor: Schneller, als ein Mann «Fräulein, zahlen bitte!» rufen kann, ist er auch schon in die Sexisten-Falle getappt.

Glaubt man den Äusserungen einiger Zeitgenossen, so fühlen sich Männer heute mehr denn je in den Topf der pauschalen Verdächtigung geworfen. Es sei «eine beängstigende Zeit für junge Männer in Amerika», äusserte etwa US-Präsident Donald Trump. Auch der Autor bereits erwähnter Kolumne schrieb weiter: «Das Hashtag #MeToo hat nicht zum Ziel, einzelnen Betroffenen eine Stimme zu geben. Es dient vielmehr dazu, den Eindruck zu vermitteln, dass in unserer Gesellschaft pausenlos nichts anderes geschieht (als sexuelle Gewalt), und die Übeltäter stets Männer sind.»

Männer: die neuen Opfer?

Aus Angst, als blöder Anmacher zu gelten, machen Männer Frauen keine Komplimente mehr. Männer lassen ihre Bürotüre offen, wenn sie mit einer Frau alleine im Raum sind. Geflirtet wird mit der Zurückhaltung eines unbescholtenen Theologiestudenten. Bekommen pfeifende Bauarbeiter jetzt Berufsverbot? Und: Wann ist eigentlich das Recht auf Kritik abhandengekommen, Kritik am Feminismus etwa? Und vergesst die Political Correctness nicht!

Die oft mit Pathos und einer gewissen Trauer vorgetragene Angst der Männer, hinter jedem potenziellen Betthäschen eine humorlose Feministin befürchten zu müssen, die den Flirt, ja das Augenzwinkern zum patriarchalen Herrschaftsinstrument stilisiert und allzeit bereit ist zum denunzierenden Gegenschlag, mag nur selten begründet sein. Dass ein mieser Flirtspruch kaum je funktioniert, dazu musste man nicht erst #MeToo erfinden.

Sie will sich rächen, sie bereut den Sex! 

Ernst zu nehmen allerdings ist die Angst der Männer vor Falschbeschuldigungen. Eine Angst, die ihren Nährboden im angeschlagenen Selbstbild von Männern findet, die sich selbst unter Generalverdacht gestellt sehen. Daraus resultiert ein gesellschaftlicher Reflex: Wenn Frauen Männer der sexuellen Übergriffe beschuldigen, schenkt man ihnen oft wenig Glauben. Stattdessen sucht man Gründe, warum die Anschuldigung falsch sein könnte (sie will sich rächen, sie bereut den Sex etc.).

Wissenschaftliche Studien aber zeigen, dass der Anteil der Falschbeschuldigungen an tatsächlich angezeigten Vergewaltigungen zwischen zwei und acht Prozent liegt, je nach Land und Studie. Die Angst vor der Falschbeschuldigung ist irrational.

Dass manche Männer verunsichert auf die Ausmasse der #MeToo-Debatte reagieren, ist verständlich. Doch gerade die Masse legt offen, dass das Problem ein strukturelles ist.

Die beste Antwort auf die Frage, wie Männer nun mit dieser Verunsicherung hantieren sollen, liefert der Kommentar eines Lesers zu einem Artikel zum Thema ein Jahr #MeToo von dieser Woche: «Ich fühle mich als Mann durch #MeToo weder unter Druck gesetzt, diskriminiert noch pauschal mitverantwortlich gemacht, genauso wie ich mich von Überwachungs-Kameras im Supermarkt nicht mit Ladendieben in einen Topf geworfen fühle. Was in der möglichst attraktiven und zum Kauf anreizenden Auslage dargeboten wird, darf nur unter gewissen Voraussetzungen mitgenommen werden. Das versteht jeder Trottel.»