Kommentar

Mister Corona droht mit seinen zahlreichen Showeinlagen abzustürzen – macht aber nichts

Daniel Koch im neusten Video: "Es ist anstrengend!"

Daniel Koch, ehemaliger "Mister Corona", meldet sich im Juli aus seinem Ruhestand zurück. Darin mahnt er erneut zur Einhaltung der Hygienemassnahmen.

Denn: Die Schweiz hat die Corona-Krise auch ohne Daniel Koch unter Kontrolle. Das meint zumindest unser Autor.

Es ist schon anderen Personen der Zeitgeschichte passiert: Kaum steigt man, gepusht von Öffentlichkeit und Medien, zur Kultfigur auf, wird man Opfer des eigenen Mythos. Menschlich: Nichts ist verführerischer, als sich im eigenen Glanz zu sonnen.

Diese Erfahrung könnte Daniel Koch machen, der einstige Corona-Delegierte des Bundes. Anstatt nobel in der Pension zu verschwinden, inszeniert sich der Berner auf allen Kanälen. Und läuft dabei Gefahr, rasch wieder auf Normalgrösse zu schrumpfen.

Das Schweizerland ergötzt sich zwar – in Ermangelung eines charismatischen Staatspräsidenten oder über den politischen Niederungen schwebenden Monarchen – hin und wieder an rituellen Überhöhungen von Einzelfiguren. Doch die Absturzgefahr in diesem ur-republikanischem Staat bleibt hoch. Wer zu lange zu viele zu überragen meint, wird in der Regel unsanft heruntergeholt.

Dieses Video haben Zehntausende gesehen: Daniel Koch verabschiedet sich mit einem Sprung ins Wasser in den Ruhestand

Daniel Koch geht mit einem Sprung ins kalte Wasser in den Ruhestand

Daniel Koch geht mit einem Sprung ins kalte Wasser in den Ruhestand

Mr. Corona führte die Bevölkerung mit ruhiger Stimme durch die Coronakrise. Nun kann er endlich seinen Ruhestand geniessen, der durch die Krise in Verzug geraten war.

Doch lassen wir die Showeinlagen von Daniel Koch, und in etwas geringerem Ausmass jene des Alain Berset einmal zur Seite, lässt sich nüchtern konstatieren:

Die Spitäler sind weit davon entfernt, ausgelastet zu sein. Die Mortalitätszahlen sind unauffällig. Die Ansteckungsrate überschaubar.

Selbstverständlich passieren Fehler. Zuletzt gab der archaisch anmutende und zuweilen dilettantische Umgang des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) mit Zahlen Anlass zu aufgeregten Kommentaren.

Auch wenn es teilweise haarsträubende Missgeschicke waren: Entscheidend ist, dass darüber debattiert werden kann und die Behörden daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Wenn das BAG nicht in der Lage ist, Zahlen zu den Ferienrückkehrern zu liefern, dann springen halt die Kantone ein. Das ist föderalistisches Learning-by-Doing.

Eine Pandemie dieses Ausmasses gab es seit 100 Jahren nicht mehr. Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten sind daher normal. Solange eine offene Fehlerkultur herrscht und Bund und Kantone gegenseitig voneinander lernen, sind die Chancen gross, dass die staatlichen Systeme sich anpassen und es mit der Zeit besser machen.

Ein Erfolgsrezept des Landes ist auch die hohe Verantwortung, die den Bürgerinnen und Bürgern zuteil wird. Kantone können noch so gute Dispositive zum Contact-Tracing aufbauen. Oder das BAG mit ausgefeilter Software Daten sammeln: Wenn die Menschen nicht mitmachen, funktioniert es kaum. Und die damit generierten Erkenntnisse bleiben bruchstückhaft.

Eine Kultur, die Fehler zulässt, die geteilte Macht zwischen den verschiedenen staatlichen Ebenen und die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürgern tragen dazu bei, dass zuweilen der Eindruck entsteht, in diesem Land passiere alles zufällig und der Lauf der Dinge sei gänzlich ungesteuert. Dieser Eindruck ist falsch.

Das zeigt sich gerade im Umgang mit dieser Pandemie. Die anarchisch-freiheitliche Grundordnung begünstigt auf allen Ebenen rasche Lernprozesse. Und erhöht die Identifikation mit den gefällten Entscheidungen.

Gewiss: Die Coronapandemie verunsichert viele. Ängstliche Menschen wünschen sich mehr staatliche Leitplanken, Direktiven und Kontrollen. Andere wiederum sind anfällig für krude Verschwörungen. Doch letztlich sind das Minderheiten. Die grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer scheint den föderalistisch-freiheitlichen Umgang mit der Pandemie mitzutragen. Es gibt keinen generellen Vertrauensverlust in die Behörden, wie er da und dort herbeigeschrieben wird.

Alain Berset hat Recht, wenn er sagt: Fehler passieren. Schädlich ist nur, wenn sich dieselben Fehler wiederholten und sich bei den Menschen das Gefühl der Ohnmacht breitmachte.

So weit sind wir nicht. Die Schweiz und ihre 26 Kantone haben die Lage im Griff. Auch dank der Bevölkerung, die sich weitgehend diszipliniert verhält.

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