Analyse

Mit «Big Data» statt Kantönligeist gegen Krebs

Schon normale PCs können die Diagnose erleichtern. Die künstliche Intelligenz des IBM-Computersystems hebt diese Hilfeleistung auf ein neues Niveau.

Schon normale PCs können die Diagnose erleichtern. Die künstliche Intelligenz des IBM-Computersystems hebt diese Hilfeleistung auf ein neues Niveau.

Wer sich krank fühlt, googelt. Doch nicht nur der Einzelne zapft das globale Wissen an, wenn er alleine nicht mehr weiterkommt. Auch Ärzte tun das. Eine Analyse von Dennis Bühler zur Digitalisierung der Medizin.

Wer sich krank fühlt, googelt. Doch nicht nur der Einzelne zapft das globale Wissen an, wenn er alleine nicht mehr weiterkommt. Auch Ärzte tun das. Jeder Tumor, jedes Krankheitsbild ist einzigartig. Die richtige Diagnose zu treffen, sich für eine Behandlungsmethode zu entscheiden und Medikamente exakt zu dosieren, ist nicht einfach.

Die Zahl verschiedener Tumorarten etwa ist so gross, dass jeder Leidende im Prinzip unter einem eigenen Krebs leidet – Kategorien wie Brust-, Prostata- oder Lungenkrebs greifen zu kurz. Jedes Jahr erkranken allein in der Schweiz 38 500 Menschen neu an Krebs. 38 500 Leidende, 38 500 Krebsarten. Jedes Jahr sterben 16 200.

Jeder erhält eine auf sein Leiden zugeschnittene Therapie

Dank Computersystemen wie IBMs Watson können Ärzte die Genmutationen einer Leukämie-Patientin mit 20 Millionen Patientenakten vergleichen. Die Aufgabe, an der jeder Mensch wegen der schieren Menge an Fällen scheitern würde, vermag der clevere Assistenzarzt Watson in zehn Minuten zu lösen. So geschehen in Japan, was einer 60-jährigen Leukämie-Patientin das Leben rettete. «Big Data» nennt man diese Verarbeitung von grossen, komplexen und sich schnell ändernden Datenmengen. Sie erst ermöglicht eine personalisierte Medizin, bei der jeder Patient eine exakt auf sein Leiden zugeschnittene Therapie erhält.

 Noch steht das Gesundheitswesen am Beginn des digitalen Transformationsprozesses – und Unternehmen und Institute vor einem Berg Arbeit: IBM etwa hat seine medizinische Forschung bisher auf die Volkskrankheiten Krebs und Diabetes ausgerichtet. Gegen andere Leiden weiss Watson noch wenig
vorzubringen.

Die Hoffnungen aber sind enorm. «Big Data» soll nicht nur Kranken, sondern auch Gesunden zugutekommen. Das kürzlich von Schweizer Forschenden lancierte Swiss Personalized Health Network will die Daten so aufbereiten und analysieren, dass Krankheitsrisiken früh erkannt und Gesundheitsstrategien entwickelt werden können.

Daten respektive Informationen waren für die medizinische Diagnose schon immer grundlegend: Ein Arzt checkt Blutwerte, nimmt Speichel- und Urinproben, er erstellt ein Elektrokardiogramm und Röntgenbilder, er fragt nach Art und Dauer der Beschwerden. Neu ist, dass diese Informationen besser zugänglich gemacht werden sollen. Mit ihrem letztjährigen Entscheid, elektronische Patientendossiers einzuführen, hat die Schweizer Politik die Zeichen der Zeit erkannt.

Drei Jahre dürfen Spitäler warten und fünf Jahre Pflegeheime, bis sie sich dem System angeschlossen haben müssen. Das neue Regime wird Kosten sparen, weil Doppelspurigkeiten – etwa wiederholtes Röntgen – abgebaut werden. Wichtiger aber: Es wird zu besseren Diagnosen führen, weil keine Informationen mehr unter den Tisch fallen. Zwei Mängel bleiben: der Schweizer Föderalismus und die doppelte Freiwilligkeit.

  •  Föderalismus Die Tatsache, dass die Kantone für die Umsetzung von E-Health zuständig sind, erschwert den Datenaustausch und ist angesichts der Kleinräumigkeit des Landes geradezu fahrlässig: Wer garantiert einem Patienten eines Kleinkantons, der sich in einer grösseren Stadt weiterbehandeln will, dass dort auf seine Akte zugegriffen werden kann? «Der Kantönligeist hemmt den medizinischen Fortschritt ungemein», kritisiert Urs Meyer, emeritierter Professor für Pharmakologie am Biozentrum der Uni Basel und E-Health-Experte.
  • Doppelte Freiwilligkeit Damit ist gemeint, dass nicht nur jeder Patient verhindern kann, dass über ihn eine elektronische Akte erstellt wird, sondern auch jeder Arzt im ambulanten Bereich. Ersteres ergibt Sinn, sollte doch jeder Mensch so weit möglich über die eigenen Daten verfügen können; Zweiteres aber ist nicht nachvollziehbar. Jeder Patient hat Anrecht auf eine möglichst gute medizinische Versorgung. Ein Arzt, der aus Bequemlichkeit auf die Anlegung digitaler Dossiers verzichtet, gefährdet das Wohl seiner Patienten.

Eine immer gefrässigere Datenkrake

Mit dem Durchbruch von «Big Data» im Gesundheitssektor stellen sich etliche rechtliche und ethische Fragen, insbesondere im Bereich des Datenschutzes. Hat der Einzelne wirklich eine Chance, die Verwendung seiner persönlichen Daten zu kontrollieren? Wer behauptet, er habe daran offensichtlich ohnehin kein Interesse – sonst hätte er weder Cumulus- noch Superkarte, benützte weder Google noch Facebook –, macht es sich zu einfach. Es ist Aufgabe eines Gemeinwesens, seine Mitglieder für neue und anwachsende Risiken zu sensibilisieren. Und sie, nun ja, ein Stück weit zu erziehen.

Gerade in der Gesundheitsbranche ist die Datenkrake immer gefrässiger: So erlässt die Krankenkasse CSS Kunden mit Zusatzversicherung, die mindestens 10  000 Schritte pro Tag zurücklegen, neuerdings 40 Rappen pro Tag – Fitte können 146 Franken im Jahr sparen. In Deutschland belohnt die Generali Versicherte, die regelmässig Gesundheitschecks machen, Sport treiben, viel Gemüse kaufen und nicht rauchen, mit niedrigeren Beiträgen. Auch darüber muss dringend diskutiert werden.

Machen solche Angebote die Prämien gerechter, weil der einzelne Versicherte einen seinem Verhalten angemesseneren Betrag entrichten muss? Oder leisten sie einer Entsolidarisierung Vorschub, weil chronisch Kranke womöglich bald stärker zur Kasse gebeten werden, wenn sie weniger von Fitten quersubventioniert werden?

Spätestens, wenn etwas nicht mehr Utopie oder Dystopie, sondern Realität ist, müssen Gesellschaft und Staat Antworten finden. Ohne unkritische Euphorie, doch mit Zukunftsglauben.

dennis.buehler@azmedien.ch

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