Gastkommentar

Nach Corona wird vieles anders sein: Schreiben wir Geschichte!

Steven Schneider, Kolumnist «Schreiber vs. Schneider»

Steven Schneider, Kolumnist «Schreiber vs. Schneider»

Covid-19 schreibt Geschichte, zweifellos. Es wird künftig eine Zeitrechnung vor und nach Corona geben. Was uns noch erwartet, steht in den Sternen, gewiss ist nur: Vieles wird anders sein. Davon betroffen sind Staaten, globale Konzerne, ganze Wirtschaftszweige, davon betroffen ist aber natürlich auch jeder Einzelne von uns. Vielleicht haben wir jemanden verloren oder selber die Krankheit mit Komplikationen durchlitten, vielleicht mussten wir bis zur Erschöpfung arbeiten (und wurden auf einmal als «Helden» bezeichnet) oder konnten überhaupt nicht arbeiten – doch ziemlich sicher machen die meisten von uns in diesen Wochen Erfahrungen, die neu sind.

Die meisten von uns prägt das aber offenbar nicht. Eine repräsentative Studie der Hochschule Luzern hat vor einigen Tagen gezeigt: Nur jeder siebte Mensch in der Schweiz will sich zukünftig mehr seiner Familie widmen und mehr auf seine Gesundheit achten, jeder Achte möchte in Zukunft regionaler einkaufen. Umgekehrt bedeutet das, dass der Grossteil aller Einwohner der Schweiz nichts an seinem Verhalten und seinen Einstellungen ändern will oder muss. Wir sind offensichtlich in der Mehrheit zufrieden mit unserem Leben in Vor-Corona-Zeiten und wünschen uns dieses unverändert zurück. All diese Menschen werden deshalb dereinst rückblickend sagen: Es war eine be- sondere Zeit, die wir damals durchlebt haben, aber wir haben es überstanden und konnten zum Glück zurück in die Normalität.

Die rund 15 Prozent, die etwas verändern wollen und das schaffen, werden aber die bessere Geschichte zu erzählen haben. Sie werden von einem Wendepunkt in ihrem Leben erzählen. Sie werden sagen, dass sie ihre Werte angepasst oder gar neue gefunden hätten, dass sie gemerkt hätten, wie wichtig ihnen ihre Lebenspartner, die Kinder, die Eltern sind, auch Freundinnen und Freunde. Sie werden sagen, dass sie entdeckt hätten, wie viel gesünder und schöner das Leben wird, wenn man seinem Körper und seiner Seele mehr Zeit und Zuwendung schenkt. In einem Satz hört sich das vielleicht dann so an: «Weisst du, damals haben wir endlich entdeckt, wie toll es ist, als Familie mit dem Fahr-rad zum Bauernhof zu fahren und dort im Hofladen Bio-Nüsslisalat vom Feld nebenan zu kaufen.»

Keine weltbewegende Geschichte, zugegeben, aber das Leben besteht nun mal aus vielen kleinen und nur wenigen grossen Geschichten. Und während die einen dereinst im Zusammenhang mit Covid-19 davon berichten, was das Virus mit der Welt gemacht hat, erzählen andere, wie das Virus ihr eigenes Leben reicher gemacht hat.

Beides hat seine Berechtigung, aber die bessere Geschichte erzählen jene, die sich verändert haben. Denn wir alle hören gerne zu, wenn jemand von Einsichten spricht, wenn jemand eine Entwicklung beschreibt und sein Leben verändert hat. Unzählige Sachbücher handeln davon. Und die ganze Filmindustrie Hollywoods erzählt Geschichten, in denen die Protagonistin am Ende des Films eine andere Person geworden ist.

In der Drehbuchliteratur ist dies bekannt als «Heldenreise»: Der Protagonist fühlt sich in seiner gewohnten Welt unwohl, und nach anfänglichem Zögern macht er sich auf, um eine andere, ungewohnte Welt zu betreten. In dieser neuen Welt muss sich die Protagonistin bewähren, sie muss Ängste bekämpfen und diese überwinden. Dabei stirbt ihr altes Ich, es aufersteht ein neues, ein weiter entwickeltes Ich. Filme, die diesem Konzept folgen, sind zum Beispiel «Star Wars», «Pretty Woman» und «Das Schweigen der Lämmer».

Einverstanden. Geschichten, die von kleinen Veränderungen erzählen, brauchen nicht um die Welt zu gehen. Und jede vollbrachte Veränderung gleichzustellen mit Tod und Auferstehung, ist leicht übertrieben. Man muss sein altes Ich nicht begraben, bloss um weiterhin im Hofladen einzukaufen. Auch mit dem Begriff Heldin oder Held haben viele ihre Mühe. Trotzdem hat jetzt jeder die Gelegenheit, die gegenwärtig ungewohnte Realität zu einem Wendepunkt in seiner Biografie werden zu lassen. Denn irgendwann werden wir zurückblicken und von dieser Zeit erzählen. Und es wäre schade, müssten wir dann von einer verpassten Chance sprechen statt davon, was wir alles für uns gelernt haben.

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