Kommentar

Nationalhymne: Sommerposse ums Morgenrot

Bundesfeier auf dem Rütli (Archiv)

Bundesfeier auf dem Rütli (Archiv)

Die christlich-konservative Vereinigung «Neuer Rütlibund» fordert, dass der Bundesrat der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) die Rütli- Wiese entzieht. Die Forderung ist unrealistisch. Dennoch ist die Kritik nicht unbegründet.

«Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund: Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.» Das kommt Ihnen kaum bekannt vor. Es sind die ersten Zeilen eines neuen Textes für die Schweizer Nationalhymne. Den gibt es seit 2015, und er soll am 1. August erneut auf dem Rütli gesungen werden. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG), Verwalterin der eidgenössisch-historisch so bedeutsamen Rütliwiese, hat mittels Wettbewerb einen zeitgemässeren Text für den Schweizerpsalm gesucht. Über 20'000 Personen hatten online für obigen Text votiert. Klar ist: Die Bundesversammlung müsste über neue Strophen entscheiden, die SGG hatte keinen offiziellen Auftrag.

«Eigennützige Propaganda»: Der Neue Rütlibund wirft der SGG Missbrauch vor, weil der neue Nationalhymnentext, in «dem Gott nicht mehr erwähnt wird», auf dem Rütli gesungen wird. Die christlich-konservative Vereinigung fordert, dass der Bundesrat der Rütli-Verwalterin die Wiese entzieht. Die Forderung ist unrealistisch. Und von daher gleichermassen ein Propagandacoup. Nichtsdestotrotz kann man es den Kritikern nicht verargen, wenn sie der Meinung sind, dass die «Wettbewerbslandeshymne» auf dem Rütli nichts verloren hat. Im neuen «Psalm» steckt Provokationspotenzial, insbesondere weil er ohne Not geboren wurde. «Trittst im Morgenrot daher, seh’ ich dich im Strahlenmeer, dich, du Hocherhabener, Herrlicher!» Fazit: eine Sommerposse, mehr nicht.

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