Klimaproteste

Räumung ist ein Erfolg für die Besetzer – Regierung liefert die Bilder, die die Klimastreik-Bewegung braucht

Zweite Tage Präsenz plus eine spektakuläre Räumung sind ideal für die Klimastreik-Bewegung. Sonst wird es öde.

Die Polizisten kamen im Dunkel der Nacht und waren doch für alle sichtbar. Die Bilder von den gut gepanzerten Einsatzkräften, die vorwiegend junge Menschen vom Bundesplatz tragen, verbreiten sich schnell in den sozialen Medien. Sie zeigen Polizisten und Feuerwehrmänner, die mit schwerem Gerät anrücken, um die verletzlichen Körper der Klimajugend aus dem Weg zu räumen.

Mit dem Polizeieinsatz bestätigt die Berner Stadtregierung die Weltsicht der Besetzer: Die Mächtigen wollen nicht hören und reagieren auf Protest mit Härte. Statt übers Klima sprechen sie lieber über Reglemente und Ordnung. Und am Ende kuschen die Linken (in der Regierung der Stadt Bern) eben doch vor den Bürgerlichen (im Bundesparlament).

Eine Besetzung wird öde – ausser die Polizei greift ein

Da nützt es nichts, dass sich die Berner Regierung zuvor gesprächsbereit gegeben hatte und sogar alternative Standorte wie die Schützenmatte oder die kleine Schanze zur Verfügung gestellt hat.

Da nützt es nichts, dass einige Parlamentarier geduldig mit den Besetzern den Dialog suchten. Was bleiben wird, sind die Bilder. Die der Räumung, aber auch die Bilder vom Montag und Dienstag, als die Besetzer ein buntes Camp errichteten. Ihnen war es zudem gelungen, das heikle Zusammentreffen mit dem populären Berner Märit elegant zu lösen. Sie machten temporär Platz für die Stände und umgarnten die Standbetreiber mit Charme. Bundesparlamentarier zeigten sich auf dem Platz und diskutierten mit den Jugendlichen.

Hart, aber gut für die Bewegung

Für die Besetzer war die Räumung bei Regen hart, dennoch konnte ihnen nichts Besseres passieren. Es gibt nichts Öderes als eine Besetzung, die sich lange hinzieht und der langsam der Schnauf ausgeht, weil einige eben doch wieder zur Schule, an die Uni oder zur Arbeit müssen. Zwei, drei Tage lässt sich eine Dynamik wie auf dem Bundesplatz aufrechterhalten, dann wird es träge. Es sei denn, die Polizei heizt die Stimmung an.

In England gehört es sogar zur Taktik der Klimarebellen von «Extinction Rebellion» sich spektakulär verhaften zu lassen. Sie wollen so die Polizeiinfrastruktur überlasten und möglichst viel Aufmerksamkeit generieren. Der Schweizer Ableger ist zwar etwas gemässigter. Die kalkulierte friedliche Konfrontation gehört aber genauso zu ihrem Repertoire. Und Aufmerksamkeit hat der Einsatz auf jeden Fall generiert.

Parlamentarier machten sich unbeliebt

Schliesslich wurde die Hoffnung der Klimajugend enttäuscht, die parlamentarische Linke helfe ihnen auch direkt auf der Strasse. Die Frage, ob sich Nationalrätinnen samt ihrer rechtlichen Immunität, der Blockade während einer Räumung anschliessen würden, wurde nur halbherzig bejaht. Wenn es terminlich passt, ja, hiess es. Diese lauwarme Unterstützung von links wiegt umso schwerer, weil die Klimajugend von rechts in zum Teil grotesken Überreaktionen wüst beschimpft wurde.

Die Klimajugend wird sich durch das in den letzten Tagen Erlebte kaum für die mühsame Arbeit in Parlamenten oder fürs Unterschriftensammeln begeistern. Sie wird weiterhin auf die Strasse gehen. Das Comeback nach der akuten Coronakrise ist ihr auf jeden Fall spektakulär gelungen. Auch dank den Bildern der letzten Nacht.

Meistgesehen

Artboard 1