Sexismus

Schawinski, die Prostituierte und das mediale Old-Boys-Network

Ohne Ton sieht das wie ein sehr zivilisiertes Gespräch aus.

Ohne Ton sieht das wie ein sehr zivilisiertes Gespräch aus.

Salomé Balthus war zu Gast bei «Schawinski». Er versuchte es mit einer Unterstellung. Sie schlug in einer Kolumne zurück. Danach wurde sie entlassen. Ein Lehrstück in strukturellem Sexismus.

Roger Schawinski hatte eine junge Frau in seine Sendung eingeladen und danach wurde sie entlassen. Okay, nicht aus ihrem eigentlichen Beruf, dem der High-Class-Escort-Lady. Aber aus ihrem Nebenjob, dem einer Kolumnistin in der deutschen «Welt».

Schawinski fühlte sich durch ihre Kolumne, die sie über ihre Erfahrung bei ihm geschrieben hatte, blossgestellt. Der Narzisst traf auf eine Narzisstin. Blöd für ihn.

Dabei hatte er versucht, Salomé Balthus – dies das Arbeitspseudonym seines Gastes – vor laufender Kamera blosszustellen. Hatte Alice Schwarzer eingespielt, die sagte, dass «eine überwältigende Mehrheit von Frauen, die freiwillig in der Prostitution sind, noch häufiger als im statistischen Durchschnitt in der Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren haben».

Alice Schwarzer begegnet jüngeren Frauen zuverlässig mit dem Habitus der maternalistischen Gouvernante und ist im deutschsprachigen Gender-Zirkus das Pendant zum weissen alten Mann.

Salomé Balthus benennt sich nach der biblischen Salome, die vor ihrem Vater Herodes strippte und dafür mit dem Kopf von Johannes dem Täufer entlöhnt wurde. Und nach dem umstrittenen Maler Balthus.

Salomé Balthus benennt sich nach der biblischen Salome, die vor ihrem Vater Herodes strippte und dafür mit dem Kopf von Johannes dem Täufer entlöhnt wurde. Und nach dem umstrittenen Maler Balthus.

Gerade deshalb wird sie von alten oder alternden Männern jeder politischen Couleur noch immer als die einzig wahre feministische Instanz wahrgenommen. Egal ob von Roger Köppel oder Roger Schawinski. Weshalb Schawinski nach dem Schwarzer-Statement fragt: «Ist das bei Ihnen auch der Fall gewesen? Oder würden Sie's mir gestehen, wenn es so wäre?»

Salomé Balthus bleibt bewundernswert gelassen. Sagt: «Ich nehme an, wenn ich jetzt Nein sage, was ich tue, dann kommt bestimmt als nächstes jemand, der behauptet, ich hätte es verdrängt. Ich könnte Ihnen dieselbe Frage stellen, Herr Schawinski.» Ein eleganter Konter. Ein Entlarven der Falle, in die Schawinski sie locken will.

Er unterstellt ihr, dass sie auf keinen Fall die Wahrheit sagen wird. Ein rhetorischer Missbrauch.

«Ja? Welche Frage?», fragt Schawinski zurück. «Diese Frage, ob man als Kind missbraucht worden ist, ob man verdrängte Traumata hat.» – «Aha, nee, aber... Sie sagen, Sie können sich nicht daran erinnern?» – «Es ist nicht der Fall.» – «Ah, es ist nicht der Fall!» – «Ich glaube, ich kenne genügend Leute, die mir das auch sagen würden, wenn das der Fall wäre.» Schawinski wechselt das Thema.

Roger Schawinski hüpft wie immer sehr schnell von Thema zu Thema, doch ab und zu bleibt halt auch etwas sehr unangenehm hängen.

Roger Schawinski hüpft wie immer sehr schnell von Thema zu Thema, doch ab und zu bleibt halt auch etwas sehr unangenehm hängen.

Danach rächt sie sich. Schreibt eine Wutkolumne: «Wie mich der Schweizer Talkmaster in seiner Late-Night-Show in meine Einzelteile zerlegen wollte.» Beschreibt die Verletzung, die sie während der Sendung empfunden hat.

Salomé Balthus paraphrasiert Schawinskis Frage als «Hat Ihr Vater Sie als Kind sexuell missbraucht?».
 
Das ist nicht falsch. Das ist genau, was Schawinski, der sie vor dem Schwarzer-Einspieler über ihren Vater, einen in der DDR bekannten Künstler, ausfragte, auch meinte. Die emotionale Assoziation ist allen, die zuschauen, klar. Und auch, dass Schawinski hier gerade die Familie seines Studiogasts beleidigt.

Schawinski meldet sich umgehend bei Ulf Poschardt, dem ehemaligen Auto-Kolumnisten der «Weltwoche» und aktuellem Chefredaktor der «Welt». Man dürfte sich kennen. Schliesslich war Schawinski jahrelang Geschäftsführer von Sat 1 und selbst ein Medienboss in Deutschland. Poschardt gegenüber redet er von einer «argen Verunglimpfung meiner Person und meiner Integrität als Journalist».

Im nächsten Augenblick werden sowohl die Kolumne als auch Salomé Balthus aus der «Welt» entfernt.

Statt sich hinter die eigene Autorin zu stellen und den aufgebrachten Schweizer abzukühlen, statt das beanstandete Zitat aus der Kolumne dem Wortlaut der Sendung anzupassen, was gerade online kein Problem dargestellt hätte, wird Salomé Balthus gefeuert und die «Welt» entschuldigt sich auch noch schriftlich bei Roger Schawinski. Die Beteiligten: Schawinski (73), Ulf Poschardt (52) und Oliver Michalsky (55), Chefredaktor der «Welt digital».

Drei Männer jenseits der 50 in Chefpositionen. Auf der Verliererseite: die gemassregelte Frau. Ein krasser Klassiker des strukturellen Sexismus. Männer reichen sich die Hand. Ein Schulterschluss der Bros. Eine Mechanik, die so lange greifen wird, bis eine jüngere Generation übernimmt. Gerade auch in der Medienwelt. Da können sich vornerum noch so viele Journalistinnen und Journalisten engagiert den Arsch abschreiben. Dahinter ist viel zu vieles beim Uralten.

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