Wochenkommentar

Selbstmordgefährdeter Vierfachmörder: Prozess ist die stärkste Form der Gerechtigkeit

Blick in eine Zelle im Zentralgefängnis Lenzburg, wo der mutmassliche Vierfachmörder von Rupperswil derzeit in Untersuchungshaft sitzt. (Symbolbild)

Blick in eine Zelle im Zentralgefängnis Lenzburg, wo der mutmassliche Vierfachmörder von Rupperswil derzeit in Untersuchungshaft sitzt. (Symbolbild)

In seinem Wochenkommentar über die Betreuungskosten von 52 000 Franken pro Monat für den Mörder von Rupperswil schreibt az-Chefredaktor Christian Dorer: «Ein Prozess ist wichtig aus Respekt vor den Opfern und deren Angehörigen.»

In der Schweiz sorgte diese Woche für Empörung, dass der Vierfachmörder von Rupperswil Überwachungskosten von 52 000 Franken pro Monat verursacht hat – macht von Mai bis September mehr als 250 000 Franken!

Rund um die Uhr mussten ihn zwei Sicherheitsleute über Video beobachten, damit er in seiner Zelle nicht Selbstmord begehen kann. «Skandal!» lautete die allgemeine Reaktion: Wenn er sich umbringen will, solle man ihn bitteschön nicht daran hindern.

In Deutschland sorgte diese Woche für Empörung, dass sich ein syrischer Terrorverdächtiger im Gefängnis von Leipzig umgebracht hat. Seine Zelle wurde alle 15 Minuten kontrolliert. Dazwischen blieb ihm genug Zeit, um sich mit seinem T-Shirt zu erhängen. «Skandal!» lautete die allgemeine Reaktion – die Justiz habe versagt, Sachsens Justizminister solle zurücktreten. 

Ja was denn nun? Soll der Staat ein Vermögen für die Überwachung eines Täters ausgeben? Oder soll er zulassen, dass er sich umbringt? Ein Unterschied besteht zwischen den beiden Fällen: In Deutschland hatten sich die Behörden erhofft, in den Befragungen mehr über den geplanten Anschlag und über das Terrornetzwerk zu erfahren.

Beim Fall Rupperswil handelt sich um eines der brutalsten Verbrechen in der Schweizer Kriminalgeschichte – aber es ist bis in die Details aufgeklärt: Der Täter hatte sich am 21. Dezember Zutritt zum Haus der Familie Schauer verschafft, die vier Anwesenden gefesselt, den 13-jährigen Sohn missbraucht, allen die Kehle aufgeschlitzt und sie mitsamt dem Haus in Brand gesteckt.

Der Staat könnte einen Giftcocktail zur Verfügung stellen

Es hat etwas Bestechendes zu sagen: Wenn ein Mörder diese Welt verlassen will, dann soll er dies ungehindert tun. Doch könnte der Staat ihm und den Gefängnisangestellten nicht das Erhängen oder das Aufschneiden der Pulsadern ersparen und einen Giftcocktail zur Verfügung stellen? Sollte man diesen Service vielleicht auch den lebenslang Verwahrten anbieten? Und was ist mit anderen Gefängnisinsassen, die nicht weiterleben wollen? Darf der Staat Selbstmord zulassen, ermöglichen oder gar anbieten?

Er sollte nichts davon tun. Sonst führen wir eine Todesstrafe à la carte ein, und eine solche ist weder mit unserer Ethik vereinbar noch mit unseren Werten, und schon gar nicht mit unserem Rechtssystem. Dieses sieht vor, dass sich ein Täter vor Gericht zu verantworten hat, dass seine Tat verhandelt wird und dass er im Falle eines Schuldspruchs eine Strafe erhält. Ein Prozess ist die stärkere Form der Gerechtigkeit als ein Selbstmord, weil sie dem Täter die Kontrolle entzieht – die Kontrolle, ob er sich den Konsequenzen seiner Tat stellen will oder nicht.

Ein Prozess ist auch wichtig aus Respekt vor den Opfern und deren Angehörigen. Er macht eine Tat nicht rückgängig und schafft den Schmerz nicht aus der Welt. Trotzdem ist er oft eine Zäsur, nach der das Leben der Angehörigen einen Neustart erfährt. Nur schon deshalb muss der Staat dafür sorgen, dass ein Prozess stattfinden kann. Innert zehn Jahren haben sich in Schweizer Gefängnissen 85 Häftlinge umgebracht, 51 davon in Untersuchungshaft. Eine solche ist für viele Betroffene ein Schock und kann eine Affekthandlung auslösen. Die gilt es zu verhindern, unbesehen von der Schwere der Tat, die jemand begangen hat.

Es muss günstigere Varianten geben als totale Überwachung

Tatsächlich jedoch ist nicht einsichtig, warum es 52 000 Franken pro Monat kostet, um einen Selbstmord zu verhindern. Man wird den Verdacht nicht los, dass es den Behörden hier an Sensibilität mangelt. Viele Normalbürger müssen jeden Franken zweimal umdrehen – und dann werden für einen Verbrecher Unsummen an Steuergeldern ausgegeben.

Warum gibt es keine Zelle, in der Selbstmord unmöglich ist, also einen Raum ohne Möglichkeit, etwas aufzuhängen, ohne spitzige Gegenstände, ohne Kanten, mit spezieller, reissfester Kleidung für den Häftling? Trotz umfangreicher Recherche fand die «Nordwestschweiz» keine überzeugende Antwort auf diese Frage. Die Behörden sagten bloss, dass es die absolut suizidsichere Zelle nicht gebe – warum, wollen sie nicht sagen, angeblich um keine Anleitung zum Suizid zu liefern.

Aufhorchen lässt indes die Aussage von Chefarzt Thomas Maier von den Psychiatrischen Diensten des Kantons St. Gallen: «Eine absolut sichere Zelle führt zu einer unmenschlichen Atmosphäre.» Als ob es um eine wohlige Atmosphäre für den Täter ginge! Der Staat soll dafür sorgen, dass er lebend den Tag des Prozesses erreicht – und zwar zu minimal möglichen Kosten. Dann würde der Staat nicht nur Geld sparen. Es wäre auch nicht ständig der Täter, der im Fokus steht. Denn unsere Gedanken sollten nicht ihm gelten, sondern den Angehörigen der Opfer.

250`000 Franken für Vierfachmörder

250`000 Franken für Vierfachmörder (15. Oktober 2016)

Wegen Selbstmordgefahr: Der Rupperswiler KIller Thomas N. wurde in der Strafanstalt Lenzburg permanent überwacht. Das kostete den Steuerzahler eine Viertelmillion.

Autor

Christian Dorer

Christian Dorer

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