Gastkommentar

So sieht für WEF-Präsident Klaus Schwab der Weg aus der Krise aus

Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forums WEF.

Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forums WEF.

Klaus Schwab, Gründer und Präsident des World Economic Forum, hat zusammen mit dem Virologen Guido Vanham einen Weg aus der Coronakrise skizziert.

Guido Vanham, Professor für Virologie an der Universität Antwerpen.

Guido Vanham, Professor für Virologie an der Universität Antwerpen.

Wir alle wollen die Coronakrise so schnell wie möglich hinter uns bringen. Aber so sehr wir auch bestrebt sind, das soziale und wirtschaftliche Leben wieder anlaufen zu lassen, muss die öffentliche Gesundheit weiterhin unsere oberste Priorität sein. Das ist mit enormen Kosten verbunden, aber es ist besser als die Alternative. Durch die Zusammenarbeit von Regierung und Wirtschaft auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse können wir bestmöglich verhindern, dass aus einer kurzfristigen Rezession eine globale Wirtschaftskrise wird.

Während Regierungen und Unternehmen, die «die Kurve abgeflacht» haben, langsam damit anfangen können, die Einschränkungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens vorsichtig und in Teilen wieder zu lockern, sollten Unternehmen ihre Wettbewerbsinteressen erst einmal aussen vor lassen und zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass der wirksamste Impfstoff so schnell wie möglich gefunden wird und die notwendige Produktion in grossem Massstab so schnell wie möglich anlaufen kann. Das ist der einzig wahre Ausweg aus dieser Krise.

Schauen wir uns die aktuelle medizinische Datenlage an, denn die ist ernüchternd. Aus drei Gründen wird noch mindestens ein weiteres Jahr und möglicherweise noch viel länger ein aussergewöhnliches Risiko für die globale öffentliche Gesundheit bestehen.

− Erstens ist dieses neuartige Coronavirus extrem infektiös. Wenn man die letzten 100 Jahre betrachtet, lässt sich dieses Virus nur mit der Spanischen Grippe von 1918 vergleichen, die in zwei Jahren 50 Millionen Menschen tötete und auf die 1920-1921 eine Weltwirtschaftskrise folgte.

− Zweitens verläuft die durch das Virus verursachte Covid-19-Krankheit sehr schwerwiegend. Wir wissen jetzt, dass die Todesrate der bestätigten Covid-19-Fälle in der Grössenordnung von fünf Prozent liegt. Die Sterblichkeitsrate in allen (einschliesslich der bisher noch unerkannten) Fällen ist noch unbekannt, liegt aber höchstwahrscheinlich bei mindestens einem Prozent. Solche Prozentsätze sind sehr ernst zu nehmen: Sie liegen mindestens 10 bis 50 Mal über der saisonalen Grippe.

− Drittens, und das ist das grösste Problem: Es gibt keinen Impfstoff und nicht einmal eine wirklich wirksame Behandlung. Berichte über die (Teil-)Wirksamkeit von Chloroquin-Präparaten oder Medikamenten gegen HIV müssen erst bestätigt werden. Damit ist zu erwarten, dass wir mindestens bis Ende 2020 mit mehr neuen Infektionen, Kranken und Todesfällen rechnen müssen.

Welche sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Szenarien sollten wir vernünftigerweise im Auge behalten? In Ermangelung eines Impfstoffs wird diese Pandemie erst dann aufhören, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung nach erfolgter Infektion eine Immunität erwirbt. Es handelt sich hierbei um das berühmte Konzept der «Herdenimmunität».

Man könnte nun (wie Grossbritannien und die USA es eine Weile lang taten) argumentieren, dass wir das zulassen sollten und zwar je früher, desto besser. Problematisch ist bei dieser Strategie allerdings, was wir bereits in New York City beobachten: Bevor die Herdenimmunität einsetzt, erleben wir eine sehr schnelle exponentielle «natürliche Ausbreitung». Da so viele Menschen gleichzeitig erkranken, bricht das Gesundheitssystem zusammen und viele (hunderttausende) Menschen werden einfach ersticken.

Es scheint demnach die bessere Lösung zu sein, die aktuellen Eindämmungsmassnahmen in unterschiedlichem Masse beizubehalten, um die Ausbreitung der Epidemie zu verlangsamen.

Mit Blick auf die Zukunft stehen wir vor der grossen Frage, wie lange die Sperre aufrechterhalten werden sollte. Letztlich müssen wir die Wirtschaft wieder in Gang bringen und eine zweite Epidemie psychischer oder sozialer Probleme verhindern und gleichzeitig einen erneuten Anstieg der Epidemie bremsen. Zwei sich ergänzende Strategien wären denkbar:

An erster Stelle steht die serologische Untersuchung, also der Nachweis von Covid-spezifischen Antikörpern in der Bevölkerung. Auf diese Weise lässt sich überwachen, welcher Teil der Bevölkerung mit dem Virus in Kontakt gekommen ist und potenziell immun ist. Die zweite Strategie wäre die Entwicklung eines zuverlässigen «Antigen-Schnelltests» zur raschen Diagnose der Virusträger (symptomfrei oder mit minimalen Symptomen), und die «Ermittlung von Kontaktpersonen» mittels App-Technologie zur raschen Identifizierung von Kontakten der infizierten Personen, die unter Quarantäne gestellt werden könnten, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Für Regierungen und Unternehmen könnte die Kombination beider Strategien die beste Möglichkeit sein, die Wirtschaft wieder anlaufen zu lassen. Wir werden die Krise überwinden, aber nur, wenn wir zusammenarbeiten und nicht nachlassen.

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