Fahrländer

Tage auf der Achterbahn der Gefühle

«Vorzeitiger Rücktritt eines Regierungsmitgliedes wegen Überforderung im Amt – das ist schon sehr speziell», schreibt Hans Fahrländer.

«Vorzeitiger Rücktritt eines Regierungsmitgliedes wegen Überforderung im Amt – das ist schon sehr speziell», schreibt Hans Fahrländer.

Der Aargau hat diese Woche die grösste Verwerfung seiner jüngeren Politik-Geschichte erlebt. Vorzeitiger Rücktritt eines Regierungsmitgliedes wegen Überforderung im Amt – das ist schon sehr speziell. Wurde Franziska Roth «verheizt», weil 2016 die gesamte SVP-Prominenz (aus Angst vor der Niederlage gegen Susanne Hochuli) auf eine Kandidatur verzichtete und stattdessen eine Anfängerin portierte? Oder hat sich Roth das Debakel selber zuzuschreiben, weil sie, einmal im Amt, es versäumt hat, sich einem intensiven Lern- und Assimilierungsprozess zu unterziehen? Es ist wohl eine Kombination von beidem. Jedenfalls hat Frau Roth lange vor ihrer Wahl mit seltsamen Aussagen von sich reden gemacht. Das Wahlvolk kaufte also keine «Katze im Sack». So bleibt am Schluss für alle – nominierende Partei, unterstützende Parteien und Bevölkerung – das ernüchternde Kurzfazit: Zeichen nicht erkannt (nicht erkennen wollen), selber schuld. Der Schaden ist beträchtlich, der Aargau und sein Gesundheits- und Sozialwesen haben zweieinhalb Jahre verloren, Aufholen wird hart.

Nach dieser Woche könnte man drei Kolumnen schreiben. Aber nein, über das wuchtige Ja des Grossen Rates zur Abschaffung der Schulpflegen schreibe ich nicht (das habe ich versprochen). Das Schicksal der Schulpflegen entscheidet sich ohnehin erst in der Volksabstimmung. Über die dritte Abbaurunde bei General Electric in Baden und Birr schreibe ich auch nicht. Bisher waren ohnehin immer weniger Stellen betroffen als zunächst behauptet (seltsame Kommunikationsstrategie). Lieber schreibe ich noch, als Kontrapunkt, über eine kulturelle Aargauer Sternstunde.

Der Aargau gilt ja, insbesondere punkto Kultur, als eher flaches Zwischengelände zwischen den leuchtenden Sternen Zürich, Basel, Bern und Luzern. Doch das stimmt nicht, jedenfalls nicht immer. Diese Woche ist «Lenzburgiade», bereits die elfte Ausgabe. Am Eröffnungskonzert interpretierte der international auf höchstem Niveau agierende Aargauer Pianist Oliver Schnyder Beethovens 3. Klavierkonzert. Begleitet wurde er vom Orchester Argovia Philharmonic, das heute ohne Chauvinismus zu den besten im Land gezählt werden darf. Der Anlass stieg im Hof einer der schönsten Schlossanlagen der Schweiz, der Lenzburg. Das Klavierkonzert wurde übrigens am 5. April 1803 in Wien uraufgeführt. Sechs Wochen zuvor, am 19. Februar 1803 wurde in Paris die Mediationsakte unterzeichnet – das Gründungsdatum des Kantons Aargau. Was für eine schöne Koinzidenz. Und wie schön, dass es im Aargau nicht nur Politik gibt.

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