Kolumne

Vorsicht, Innenstädte veröden

Leere Strassen: Auch im Niederdorf herrscht Ladensterben.

Leere Strassen: Auch im Niederdorf herrscht Ladensterben.

Kolumne über hohe Mieten und die notwendige Einsicht von Immobilienbesitzern.

Nicht nur Baden, Aarau, Rheinfelden oder Mellingen droht ein Exodus an Läden, auch die Zürcher Bahnhofstrasse könnte bald zur globalen LuxusLangeweile-Meile werden. Immer häufiger geben gebeutelte Ladenbesitzer auf, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnt. Vielleicht rückt noch eine Kleiderboutique mehr nach, im schlechteren Fall bleibt der Laden leer. Längst sind die Bäcker, Metzger und Comestibles verschwunden, nun trifft es Schuhgeschäfte, Optiker, Juweliere und Spezialgeschäfte aller Art.

Selbstverständlich muss man nicht jedem aufgegebenen Geschäft eine Träne nachweinen. Änderungen im Konsumverhalten hat es schon immer gegeben. Die Tante Emma hat das Zeitliche gesegnet, Hutmacher, Elektrogeschäfte oder Eisenwarenhandlungen braucht es nicht mehr, oder sie sind in Shopping Center gezogen.

Ein kürzlicher Besuch im sächsischen Meissen (wo immer noch edles Porzellan hergestellt wird) zeigte mit aller Deutlichkeit, wie sich Tristesse in historischen Städten ausnimmt. Ganze Gassen sind ladenleer, verklebte Scheiben und Türen mit Aufschriften «Günstig zu mieten» schrecken auch den letzten Besucher ab. So weit wird es in Schweizer Kleinstädten hoffentlich nicht kommen. Doch der stationäre Detailhandel – so heisst der Fachausdruck für Läden – erfährt derzeit einen tiefgreifenden Wandel.

Der Grund dafür ist der boomende Onlinehandel. Was nicht Frischprodukte sind, wird immer häufiger übers Internet bestellt. Online haben Schweizer Konsumenten und Konsumentinnen im letzten Jahr für 7,2 Milliarden Franken Waren bestellt, ein Zuwachs von 7,5 Prozent, während gleichzeitig der stationäre Handel um 2,3 Prozent zurückging. In diesem Jahr sieht es ähnlich düster aus. Schuhverkäufe liegen im Landesmittel annähernd zehn Prozent unter dem Vorjahr. Der Boom hat viel mit den technisch aufgerüsteten Smartphones und den benutzerfreundlichen Apps zu tun. Bestellungen via Handy machten 2015 einen Viertel aller Onlinebestellungen aus, ein Jahr zuvor waren es erst 15 Prozent. Bequem lässt sich zu Hause auf dem Sofa bestellen, die Post oder DHL liefert prompt nach Hause, und was einem nicht passt, kann kostenlos zurückgeschickt werden.

Der Blick ins Ausland lässt erahnen, was die Zukunft bringen wird. Die 7,2 Milliarden schweizerischer Onlinebestellungen entsprechen ziemlich genau sieben Prozent des gesamten Konsums. In Grossbritannien beträgt der
Anteil bereits 16 Prozent, in den USA 14 und in Deutschland 13 Prozent. Bestellungen via Handy sind im Vereinigten Königreich in den ersten neun Monaten 2016 mit einem Plus von 90 Prozent förmlich explodiert. Marktforscher schätzen, dass jenseits des Kanals bis im Jahr 2020 die Hälfte des Konsums online abgewickelt werden könnte.

Auch wenn für die Schweiz die Zahlen bescheidener ausfallen werden – was die Ausweitung des Onlinehandels für Ladenbesitzer bedeutet, lässt sich leicht ausmalen. Und für Innenstädte ebenfalls. Die «Schweiz am Sonntag» hat vor zehn Tagen aufgezeigt, dass die hohen Mieten nur noch von Läden an Hochfrequenzlagen bezahlt werden können, das sind Standorte rund um Bahnhöfe.

Bereits wenden sich besorgte Altstadtbewohner an die Politik. Was tun, damit die Innenstädte nicht veröden und ein attraktiver Ladenmix erhalten bleibt? Rasch könnte sich ein Teufelskreis von leeren Läden, eintönigen Innenstädten und dann auch leeren Altstadtwohnungen bilden. Natürlich kann ein Ladenbesitzer seinen Vermieter um eine tiefere Ladenmiete bitten.

Nachsicht mag da und dort vorhanden sein, doch bis ein Hausbesitzer Verständnis zeigt und den Mietzins senkt, ist es meist zu spät. Dann hat das Spezialgeschäft aufgegeben und der nächste Kleiderladen zieht ein, bis auch der die Segel streichen muss. Steuermässige Erleichterungen sind denkbar, aber nicht sehr relevant. Der Steuerwert der Liegenschaften liegt in den meisten Kantonen deutlich unter dem Verkehrswert und was die Mieterträge betrifft, werden die effektiv erzielten Erträge besteuert.

Die Lösung läge folglich in der Einsicht der Immobilienbesitzer. Wenn diese nicht selber mithelfen, dafür zu sorgen, dass ihr Mieter überleben kann, schneiden sie sich langfristig selber ins Fleisch. Unattraktive Innenstädte mit leeren Läden führen zu sinkenden Immobilienpreisen. Gefragt sind weitsichtige Immobilienbesitzer.

Markus Gisler: Der Autor ist Betriebsökonom HWV. Er war Chefredaktor («Cash», «Aargauer Zeitung») sowie Gastgeber der TV-Sendung «Cash-Talk». Heute ist er Partner bei der Kommunikationsagentur GMRZ und unterstützt Unternehmen und Führungsleute in der Öffentlichkeitsarbeit.

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