Kommentar

Wenn im Ständerat fast niemand etwas sagen darf: Die Kammer des Schweigens

Gemächliche Ruhe in den Zuschauertribünen des Ständerates.

Gemächliche Ruhe in den Zuschauertribünen des Ständerates.

Reflexionen über die speziellen Gepflogenheiten im Ständerat.

Es ist laut geworden, in unserer Zeit. Digitaler Dauersturm. Und die Politikerinnen und Politiker, die im Internet ihre Dauerpräsenz markieren. Wer etwas aus sich machen will, das wurde uns Millennials und auch allen anderen beigebracht, der muss sich im Netz selbst bewerben, posten, reden, texten, filmen.

Wir haben uns alle angewöhnt, dass wir die kleinsten Bruchstücke, die unser Gehirn an Denken produziert, sofort in den Äther schicken, instant message, und alles, was wir fühlen, verschicken wir sofort, Dutzende Nachrichten am Tag.

Diese digitale Nervosität hat nun auch im Nationalrat um sich gegriffen, in dieser hypermedialisierten Kammer, in der immer mehr Parlamentarierinnen und Parlamentarier vor ihren Bildschirmen sitzen, ihre Instagram-Kanäle füttern und sich auf Twitter inszenieren.

Wohl auch, weil die Debatte im Nationalrat quasi nicht existiert, gestritten und sich geeinigt wird in den Kommissionen und im Ständerat; im Nationalrat stehen derweil ein paar wenige Minuten am Rednerpult zur Verfügung, einstudierte Vorträge eines Einzelnen, Frontalunterricht.

Der Ständerat sieht sich da seit jeher als Gegenpol – kleiner, besonnener, in vielen Dingen herrschen andere Abläufe und Sitten. Einige davon betreffen auch die Kommunikation. Eine ungeschriebene Regel ist, dass die Neuen im Ständerat nun in ihrer ersten Session angehalten sind, nichts zu sagen, nur stumm dazusitzen und zuzuhören, schaue erst mal, wies geht, bevor du deine Meinung in die Welt schreist, gute alte Schule.

In den Augen vieler Neuer eine verstaubte Idee dieser – zu Recht – selbst ernannten «chambre de réflection», ein bisschen sehr schweizerisch zurückhaltend. Für einige sogar ein Störelement in Zeiten der konstanten Selbstvermarktung. Auch wenn sich die meisten, die nun im Ständerat sitzen, ihre Sporen politisch schon längst abverdient haben, etablierte Politiker.

Die geschriebene, noch offiziellere Regel lautet derweil: digitaler Minimalismus. Das Benutzen von Laptops ist während der Ratssitzungen verboten, Handys nur für die Konsultation von Dokumenten erlaubt. Zähneknirschend wurden Tablets letztes Jahr zugelassen. Was den Vorteil hat, dass mit dieser digitalen Abstinenz auch viel Ablenkung, viel Durcheinander, die weite Welt mal ein paar Stunden aussen vor bleibt.

Und den Nachteil, dass das viele Neue, manche von ihnen Millennials, effiziente, vernetzt Arbeitende, nun die grosse Wut im Bauch haben, genervt, dass sie in dieser kleinen Kammer nicht mehr so effizient alles durchackern können, was sie durchackern müssen, Mails, Telefonate, SMS, googeln, lesen, blättern, klicken.

Ich verstehe diese Wut, mir wird ja auch ganz kribbelig, wenn ich mal länger als eine halbe Stunde still sitzen und einfach zuhören muss, das Internet hat uns die Geduld ausgetrieben.

Einen Gedanken sofort zu äussern, kann befreiend sein, das gilt als offen, das gilt als direkt, und das Unmittelbare hat sein Gutes. Aber manchmal, vor allem im demokratischen Prozess, der sich oft zäh hinzieht, der Ausgewogenheit und auch ein bisschen Abgeklärtheit erfordert, muss ein Gedanke gären können, eine Idee reifen, und das braucht auch mal: Stille.

Ideen formen sich über Zeit, sie wachsen oft in einem heran, wenn man gar nicht wirklich aktiv über sie nachdenkt, in einem Zwischenraum zwischen Denken, Sagen, Handeln und wieder Denken. Genauso braucht der Mensch Zeit, um einfach mal zuzuhören und sich auf etwas konzentrieren zu können, sich einlassen, sich öffnen für andere Sichtweisen. Eine Sache aufs Mal, für Multitasking, das haben Studien schon lange bewiesen, sind wir sowieso nicht gemacht.

Ist Zeit für Reflektion doch zusammen mit dem Einmal-mal-den-Mund-halten-Können eine grandiose Hilfe für das Funktionieren von demokratischen Prozessen.

Ist doch irgendwie beruhigend, dass die Politik in dieser Kammer noch nicht ganz nach den Gesetzen des neuen, digitalen Markts funktioniert, nicht nur aus twittern und sich selbst darstellen und «drihepe» und «wüete» besteht, sondern daraus, Argumente reifen zu lassen, zuhören, verdauen, und sich auf die Sache konzentrieren.

Reflektieren eben.

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