Für Sie heisst Weihnachtszeit vermutlich Adventskalenderpäckli-Auspacken, Zimtsterne oder Christstollen essen und die ganze Wohnung mit Kerzen vollstellen. Für mich sieht das biz anders aus. Ich muss absolut keine Geschenke organisieren, Familiendinners aushalten oder meine Fenster mit diesem Sprühschnee verunstalten.

Ich habe massiv viel mehr Spass als Sie im Dezember, nehme ich an, aber meine Adventszeit ist auch um einiges schädlicher für meine Gesundheit: Die Weihnachtszeit ist echt ultimativ anstrengend für meine Leber. Ich bin sogar gezwungen, mir den Spass einzuteilen, um nicht plötzlich zu sterben. Das liegt erstens daran, dass ich nicht zwei Tage hintereinander trinken kann. Seit ich dreissig bin, funktioniert das nicht mehr – von wegen «Ein feuchter Lumpen wird schnell wieder nass». Ich für meinen Teil werde nicht «schnell wieder nass», sondern einfach müde und sehr, sehr hungrig. But it’s hard, man. Es ist hart, nicht zu trinken in dieser Zeit.

Da kann man beim besten Willen nicht nüchtern bleiben

Vor allem, wenn man an einem dieser trümmligen Weihnachtsmärkte verabredet ist. Keine Ahnung, wieso ich da überhaupt zusage, aber da kann man bei bestem Willen nicht nüchtern bleiben; auch wenn man sein Wochen-Trink-Kontingent bereits aufgebraucht hat. Zum einen wegen der ultra nervigen Menschenmengen, zum anderen muss man seine Geruchs-Rezeptoren mit sehr, sehr viel Schnaps versengen, um die Fondue-Glühwein-Ätherische-Öle-Geruchswolke zu töten. Ich habe einmal aus Versehen neben einem Raclette-Stand durch die Nase geatmet, jetzt fehlt ein Teil von meiner Nasenscheidewand. Ich verstehe nicht, weshalb das Schweizer Militär noch nicht Gebrauch macht von dieser Bio-Waffe.

Zu den X-Mas-Markt-Glühwein-Gelagen kommen auch noch alle Geschäfts-Samiklaus-Apéros und natürlich die legendären Büro-Weihnachtsessen. Nicht auszudenken, wie viel Macht ich hätte, wenn ich an diesen Anlässen einfach nüchtern bleiben würde; all das Geflirte, Rumgeknutsche und Liebesgebeichte. Bei der Kaffeepause am Montagmorgen könnte ich einfach mein Smartphone zücken und das ganze Team samt Geschäftsleitung komplett zerstören. Ganz zu schweigen von zukünftigen Lohnverhandlungen – es würde sicher nicht schaden, die rassistischen Witze, die vom Chef über der Feuerzangenbowle gebeugt von der Leine gelassen wurden, als Basis für das Gespräch zu nutzen. Nur, schlussendlich bin ich es, die im Unterhemd und nicht genügend blickdichten Strumpfhosen lasziv mit Laura vom HR auf dem Stuhl tanzt und sich von einer dritten, nur noch vage zu identifizierenden Person mit unveganer Schokolade füttern lässt.

Aber hey, immerhin habe ich keinen Stress, zwischen Weihnachten und Silvester acht Kilo abzunehmen. Ich muss nämlich nicht in irgendein Glitzerkleid passen: Meine Party-Reihe geht genau am 29. Dezember zu Ende. Nichts ist unspassiger, als Neujahr zu feiern, also beginnt pünktlich an diesem Tag meine Detox-Phase. (Welche genau eine Woche dauert und dann wieder dem Januar-Exzess weicht, psssssst.)

Wenn man zufällig wieder ein trinkfreies Wochenende hat ...

Wann kriege ich mein Leben eigentlich in den Griff? Antworten Sie nicht, es war eine rhetorische Frage. Irgendwann wird das schon, weil gefallen würde mir das eigentlich sehr, dieses Nüchtern-Sein. Wenn man nämlich ganz zufällig mal wieder ein trinkfreies Wochenende hat, merkt man, wie grandios es ist, nicht wegen Kopfschmerzen oder Sahara im Hals aus der Ohnmacht zu erwachen. Kein verschrecktes Zur-Seite-Blinzeln, um herauszufinden, ob man im Bett ein Falafel-Inferno veranstaltet hat, und schockiert feststellen, dass man zwar nackt ist, aber die Schuhe noch anhat.

Vermutlich kennen Sie das nicht, Sie lesen ja auch grad diese Kolumne, und die ist Teil einer Zeitung, und jeder weiss: Menschen, die Zeitungen lesen, haben ihr Leben total unter Kontrolle. Sooo, und jetzt hat mir mein Handy-Kalender grad gesagt, dass ich gleich zum Prosecco verabredet bin. Ich würde ja sehr gerne noch etwas Gesellschaftskritisches sagen zum ganzen Weihnachtszirkus, aber leider habe ich wükki keine Zeit, ich muss jetzt Spass haben gehen.

In diesem Sinne, happy Adventszeit und Prost, wir lesen uns im nächsten Jahr!

Gülsha Adilji ist Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG.