Wochenkommentar

Zum Frauenstreik: Was nun gefragt ist, damit sich etwas ändert

«Dass es 28 Jahre nach dem ersten Frauenstreiktag noch immer notwendig ist, Verbesserungen einzufordern, kann man bedauern. Aber es darf nicht ernsthaft überraschen», schreibt Odilia Hiller, Mitglied der Chefredaktion von CH Media, in ihrem Wochenkommentar.

«Frauen first», hiess es am Freitag im ganzen Land. Wie im Jahr 1991 hatten ursprünglich gewerkschaftliche Kreise zum Frauenstreik aufgerufen. Doch auch diesmal sind Arbeitnehmerinnen, Mütter, Migrantinnen, Grossmütter, Studentinnen und Schülerinnen weit über das linke Spektrum hinaus auf die Strasse gegangen. Sie wollen vor allem eines: laut und deutlich auf die Missstände und strukturellen Ungerechtigkeiten hinweisen, denen Frauen in ihrem Alltag noch immer auf Schritt und Tritt begegnen.

Die Zahlen und Fakten sprechen für sich. Lohnungleichheit, der Karriereknick nach der Mutterschaft, das Armutsrisiko oder der nach wie vor niedrige Frauenanteil in Politik und Chefetagen sind dabei nur einige Stichworte. Der 14. Juni war der Tag, an dem alles wieder einmal zusammengetragen wurde mit dem Ziel, der Wut und dem Frust Luft zu verschaffen – und Verbesserungen einzufordern.

Die Vergangenheit hinterlässt Verkrustungen

Dass dies 28 Jahre nach dem ersten Frauenstreiktag noch immer notwendig ist, kann man bedauern. Aber es darf nicht ernsthaft überraschen. Vergangene Jahrtausende, in denen fast ausschliesslich die Männer über das Schicksal der Frauen richteten, wiegen schwer. Sie haben Verkrustungen hinterlassen, die sich nicht innert einiger Jahrzehnte aufbrechen lassen.

Müde machen allerdings die Zweifler, Relativierer und Bagatellisierer. Wir kennen sie alle: Ist denn das wirklich alles so schlimm? Wird sich das nicht von allein einpendeln? Warum die Aufregung? Ist das jetzt nicht alles ein wenig übertrieben?

odilia.hiller@tagblatt.ch

Ja, die Forderungen der Gewerkschaften gehen teilweise sehr weit. Gratis-Verhütungsmittel für alle Frauen und Hausfrauenlöhne sind Ziele, über die man unterschiedlicher Ansicht sein kann. Es ist aber bekannt, dass es in der Politik – ähnlich wie auf dem Souk – nicht das Ungeschickteste ist, mit einer Maximalforderung in Verhandlungen einzusteigen. Zurückschrauben kann man immer noch.

Deshalb war es der Tag der Maximalforderungen. Der Tag der Wut, aber auch des Feierns berechtigter Anliegen, die in unserem Land nicht laut genug wiederholt werden können: Die Schweiz muss familienfreundlicher werden, wenn wir ernsthaft wollen, dass Frauen und Männer im Beruf die gleichen Aufstiegschancen erhalten. Es braucht echte Wahlmöglichkeiten für alle, damit zeitgemässe Familienmodelle und Karrierepläne entstehen können, die nach einer Mutterschaft nicht implodieren oder nur unter Aufbietung übermenschlicher Kräfte der Frau überleben.

Es braucht die Männer, um weiterzukommen

Denn so viel ist klar: Die Rechnung geht auch im Jahr 2019 für zu viele Frauen nicht auf. Sie reiben sich auf zwischen Partnerschaft, Familie, Job und Haushalt und verzichten viel zu oft auf viel zu viel. Krankheit, Erschöpfung, zerbrochene Ehen und Beziehungen sind nur einige der Auswirkungen dieser Doppel- und Dreifachbelastungen, die oft jahrelang andauern. Nicht zu reden von den Herausforderungen, die in unserem Land auf Alleinerziehende warten, die bisher kaum eine Lobby hatten.

Keine Frage, die Männer dürfen von dieser Diskussion nicht ausgeschlossen werden. Ohne sie geht gar nichts davon, was für die Sache der Frau getan werden muss. Immerhin unterstützen weit mehr Schweizer als vor 28 Jahren den heutigen Frauenstreiktag ideell oder praktisch, indem sie am Streik mitlaufen oder dafür sorgen, dass die Arbeitswelt heute nicht zusammenbricht.

Was aber können wir tun, damit die hehren Wünsche, die von den Redepulten schallen, etwas bewirken – und nicht gleich wieder verhallen?

Die Frauen selber können sehr viel machen. Sie können noch mutiger werden. Sich viel öfter an den Worten «Ich will» oder «Ich will nicht» versuchen. Sich Gehör verschaffen und Risiken eingehen. Sie können versuchen, Töchter heranzuziehen, die weniger Angst haben, sich zu exponieren, und die sich trauen, Entscheidungen in einer Freiheit zu treffen, die früheren Mädchengenerationen weder anerzogen noch zugestanden wurde.

Dies muss nicht heissen, im steten Kampfmodus zu leben. Es darf aber noch weniger heissen, in der Opferrolle stecken zu bleiben. Nur dann kann das Potenzial genutzt werden, das in der MeTooDebatte steckt. Der grösste Erfolg des Frauenstreiks wäre, wenn aus der Wut Kraft entsteht.

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