Gastkommentar

«Romands, ihr existiert nicht mehr» – ein Doppelbürger macht sich Sorgen um die französische Schweiz

Das neue Museumsquartier in Lausanne wird zum neuen Kunstmagnet der Schweiz.

Das neue Museumsquartier in Lausanne wird zum neuen Kunstmagnet der Schweiz.

Der französisch-schweizerische Doppelbürger Peter Rothenbühler macht sich Sorgen, dass die französische Schweiz aus dem Blickfeld der Deutschweizer verschwindet.

Die Westschweiz gewinnt international an Bedeutung: Die Wirtschaft boomt. Auch kulturell rüsten die Romands auf: Das neue Museumsquartier in Lausanne wird zum neuen Kunstmagnet der Schweiz, neben Basel und Zürich. Architektonische Würfe von Weltrang hat es in den letzten paar Jahren eigentlich nur in der Westschweiz gegeben : das künftige Uhrenmuseum mit Luxushotel von Audemars Piguet in Le Brassus, das Swatch-Zentrum in Biel oder das Rolex Learning Center der EPFL Lausanne.

Die Romands können gleich drei Nobelpreisträger feiern. Vor zwei Jahren wurde der Waadtländer Jacques Dubochet in Stockholm geehrt, jetzt sind die Genfer Michel Mayor und Didier Queloz dran. Bis vor wenigen Jahren kamen alle Schweizer Nobelpreisträger aus der deutschsprachigen Schweiz. Die Westschweizer Unis machen damit ein paar Ränge wett im internationalen Hochschul-Ranking. Und die Schweiz hat in künftigen Verhandlungen um EU-Forschungsgelder bessere Karten.

Welsche Kultur, welsche Leistungen gelten ab Murten als exotische Phänomene, kaum zu beachten. Jetzt hat der prominente Journalist Jacques Pilet Alarm geschlagen: «Romands, ihr existiert nicht mehr!». Er meinte damit, dass die französische Sprache in der deutschsprachigen Schweiz zwar immer noch gelehrt aber nur noch als lästige und nutzlose Pflicht behandelt wird.

Das Uhrenmuseum von Audemars Piguet in Le Brassus.

Das Uhrenmuseum von Audemars Piguet in Le Brassus.

Noch schlimmer: Selbst in höchsten Staatssphären werde heute davon ausgegangen, dass die alte Regel, dass hohe Beamte mindestens zwei Landessprachen beherrschen und eine dritte verstehen müssen, nicht mehr beachtet wird: Der gesuchte Nachfolger für SBB-Chef Andreas Meyer muss in den Augen des Zürcher Headhunters Raschle nur Deutsch und Englisch beherrschen. Französisch sei «nicht nötig». Und der von der zweisprachigen Bundesrätin Viola Amherd ausgewählte neue Armeechef Thomas Süssli bat welsche Journalisten, sich mit ihm bitte auf Deutsch zu unterhalten. Er spricht und versteht Französisch nicht.

«Endlich sagt mal einer laut, was viele Deutschschweizer schon lange heimlich denken», kommentierte Jacques Pilet die Feststellung von Headhunter Raschle, der seine Meinung so begründete: Der neue CEO muss das Parlament und die Bevölkerung überzeugen können. Und: 75 Prozent der potenziellen Kandidaten wären im Voraus ausgeschlossen, wenn Französischkenntnisse vorausgesetzt werden.

Und es heisst: Die Welschen sollen sich bitte der Mehrheit anpassen und Deutsch sprechen, wenn sie gehört werden wollen. Oder Englisch, zumal die offizielle Behördensprache der EU ja auch Englisch ist und bleibt (trotz Brexit) und in den Schweizer Hochschulen – auch in der Westschweiz – in den meisten Fächern nur noch auf Englisch doziert wird.

Die scheidende Ständerätin Géraldine Savary hat es letzte Woche in der Sendung «Infrarouge», der welschen Arena, bestätigt : «Im Ständerat hört man sich noch aufmerksam zu. Da kann jeder in der jeweiligen Landessprache vortragen. Im Nationalrat wird aber sofort getuschelt und geraschelt, wenn einer am Rednerpult Französisch spricht. Darum sprechen welsche Parlamentarier, wenn’s wichtig wird, Deutsch.»

Der welsche SRG-Generaldirektor Gilles Marchand, der seine Deutschkenntnisse schnell aufgebessert hat, konnte es bestätigen : Er präsentiere gerne auf Französisch, aber meisten liefere er eine deutschsprachige Version nach, gerade wenn es wichtig werde.

Sonst drifte die Schweiz sprachlich und damit kulturell auseinander. Denn die französische Sprache öffnet die Tür zur reichen französischen Kultur.

Der bedauernswerte Austauschmangel zwischen den Sprachkulturen hat der Belgier und Co-Chefredaktor der Schweizer Illustrierten bei «Infrarouge» auf einen interessanten Punkt gebracht: «Bei uns in Belgien bekämpfen sich Wallonen und Flamen ständig, dafür kennen sie sich auch sehr gut. Hier in der Schweiz herrscht der Sprachfrieden, aber man kennt sich nicht mehr.»

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