Kolumne

Und wenn wir weniger flögen?

Der Autor ist Betriebsökonom HWV. Er war Chefredaktor («Cash», «Aargauer Zeitung») sowie Gastgeber der TV-Sendung Cash-Talk. Heute ist er Partner bei der Kommunikationsagentur GMRZ und unterstützt Unternehmen und Führungspersönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Kolumne schreibt Markus Gisler über die Debatte um die Klimapolitik und die Illusion einer Flugsteuer.

An manchen Familientischen wird derzeit eifrig über das persönliche Verhalten zum Klimaschutz und generell über die Rettung des Planeten diskutiert. Eine Hauptforderung der Jugend lautet: weniger fliegen. Ist es noch vertretbar, zur Bespassung nach Gran Canaria, Hurghada oder Kos zu fliegen, geschweige denn nach Thailand oder in die USA? Die Klimaschützer fordern nicht nur eine Besteuerung des Kerosins, sondern verlangen, dass Flugtickets direkt besteuert werden.

Eine Kerosinsteuer, wie sie im März von Belgien für die EU gefordert wurde, wird noch lange auf sich warten lassen. Zweifellos würde die Schweiz mitziehen, doch sie würde die Flugtickets höchstens um ein paar Franken verteuern, wodurch die beabsichtigte Wirkung ausbliebe, nämlich die Zahl der Flüge deutlich und fürs Klima nachhaltig zu senken. Also müsste eine fürs Portemonnaie schmerzhafte direkte Steuer auf die Tickets eingeführt werden. Mindestens 100 oder 150 Franken pro Europaflug wurden schon genannt, darunter bliebe der Effekt aus, schliesslich lässt man sich die Ferien ja auch was kosten.

So beherzt solche Ideen auch erscheinen, so unrealistisch sind sie, sobald man sich die ökonomischen Konsequenzen vor Augen führt. Das beginnt bei den Fakten zur Entwicklung des weltweiten Flugbetriebs. Bis 2040 sollen sich gemäss Studien die Zahl der eingesetzten Flugzeuge und die geflogenen Passagierkilometer verdoppeln. Weltweit werden rund 1200 Flughäfen neu gebaut und erweitert. Allein im Jahr 2018 wurden gegenüber dem Vorjahr weltweit 11 Prozent mehr Flüge durchgeführt, zwischen 2013 und 2018 stieg die Anzahl Flüge weltweit um 27 Prozent. Selbst wenn mittels einer Flugsteuer das Fliegen etwas eingedämmt werden könnte, werden die vom Flugverkehr verursachten CO2-Emissionen weiter massiv zunehmen.

Doch angenommen, eine wirksame Flugsteuer würde eingeführt, was wären die Konsequenzen? Es ist klar, dass die Schweiz eine solche Steuer alleine nicht einführen könnte. Sie würde erstens leicht umgangen, und zweitens wäre der Schweizer Beitrag auf die globale Verbesserung des Klimas vernachlässigbar. Einzig könnte die Schweiz für sich einen grünen Imagegewinn reklamieren. Dass die EU nachziehen würde, ist unwahrscheinlich. Aus folgenden Gründen: Von den zwei Hauptgruppen von Fliegenden (Geschäftsreisende und Ferienreisende) würden Erstere kaum wirkungsvoll am Fliegen gehindert. Betroffen wären überwiegend die Ferienreisenden. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die ökonomischen Konsequenzen in den klassischen Feriendestinationen in den südlichen Ländern Spanien, Italien und Griechenland aussähen: (Noch mehr) leere Hotels, eine Zunahme der ohnehin schon hohen Arbeitslosigkeit, massive Proteste auf der Strasse. Diese Volkswirtschaften, die entscheidend vom Tourismus leben, würden mit allen Mitteln verhindern, dass die EU einer solchen Steuer zustimmt. International ist die Einführung einer Flugsteuer ohnehin jenseits jeder Vorstellung.

Dennoch hat die prognostizierte massive Zunahme des weltweiten Flugverkehrs die Politik nicht aufgeschreckt: die UN-Luftfahrtorganisation ICAO verabschiedete schon im Oktober 2016 das Abkommen Corsia (Carbon offsetting and reduction scheme for international aviation), das mittels Kompensation von Emissionen (offsetting) dafür sorgen soll, dass ab 2020 die internationale Luftfahrt CO2-neutral wächst. Vereinfacht gesagt, sollen sich Airlines Emissionsgutschriften kaufen, mit denen Umweltprojekte vorab in Afrika und Asien finanziert werden sollen. Viele dieser Projekte sind allerdings umstritten, weil sie von der betroffenen Bevölkerung ein Umdenken und einen veränderten Lebensstil verlangen. Oder konkret: Die entwickelten Länder fliegen munter weiter und versuchen, sich mit Geld freizukaufen. Insgesamt wird der CO2-Ausstoss nicht verringert. Das C02-neutrale Wachstum des Flugverkehrs bleibt eine Illusion.

Was die Schweiz tun kann und tun wird, bleibt vorerst offen. Der Kanton St. Gallen hat im März bei der Bundesversammlung eine Standesinitiative eingereicht, welche eine Flugticketabgabe verlangt, die der Höhe jener C02-Abgabe entsprechen soll, die fällig wird, wenn das CO2-Gesetz eingeführt wird. Das C02-Gesetz soll noch dieses Jahr im Parlament beraten werden. Mehr als eine symbolische Massnahme wird dabei nicht herauskommen.

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