Frankfurter Buchmesse

Die wichtigste Sache der Welt

Besucher an der Frankfurter Buchmesse.

Besucher an der Frankfurter Buchmesse.

Eine Analyse zu Büchern als Kiloware und lebendigem Lesen an der Frankfurter Buchmesse.

Feste soll man feiern, wie sie fallen. Dasselbe gilt wohl auch für die Frankfurter Buchmesse, die weltgrösste Fachmesse rund ums Buch. Die Verkaufszahlen für Bücher sollen rückläufig sein? Die Menschen weniger lesen? Die Verlage seien am Kämpfen? «Unmöglich!», denkt man als Leserin, wenn man nebst weiteren 270 000 Besuchern durch die Tore der Messe tritt. Denn hinter diesen Toren wird keineswegs in Dantescher Manier die Hoffnung fahren gelassen. Im Gegenteil! Hier empfängt einen ein Rummel ums Buch, der das Gegenteil bewirkt: Covers, wohin das Auge reicht; Tausende Autoren; gigantische Massen von Leserinnen und Lesern. Nein, die Messe lässt keinen Zweifel daran: Die wichtigste Sache der Welt ist das Buch.

Aber was gibt es nebst dieser Feststellung noch zu feiern in Frankfurt? Vor allem die Erkenntnis: Leben ist auch Lesen. Das zeigt etwa das Gastland Finnland, wenn es seine von Krieg und Repression geprägte Geschichte literarisch aufarbeitet. Noch heute handelt ein Grossteil der Romane vom Zweiten Weltkrieg – und ein genauso grosser Teil der Leser interessiert sich für das Thema – und zwar derart brennend, dass Autorin Sofi Oksanen ihren Roman «Stalins Kühe» in Finnland besser verkaufte als J. K. Rowling ihren «Harry Potter». Dass Lesen Leben ist, scheint auch für Deutschland zu gelten. Immerhin reissen sich an der Buchmesse in Frankfurt die renommiertesten Zeitungen (Welt, Die Zeit, FAZ) darum, wer am meisten Autoreninterviews gibt. Und ob WM oder Wetter – was zum täglichen Leben gehört, das darf und soll durch Schriftsteller literarisch kommentiert werden.

Natürlich darf auch in Frankfurt die Literaturprominenz nicht fehlen

Weniger zum Feiern als zum Stirnrunzeln ist dafür der Umstand, dass Bücher im Kampf um die Leserschaft zu literarischer Kiloware degradiert werden. «Mein Roman soll 8.99 statt 9.99 kosten, sonst kaufen die Leser das andere Buch», argumentiert Herz-Schmerz-Autorin Emily Bold. In Schweizer Verhältnisse übersetzt hiesse eine derartige Inhalts-Ignoranz: Wer statt Lukas Bärfuss’ «Koala» (rund 29.–) lieber ein Ausmal-Buch mit Koalas (3.90) kauft, kriegt dasselbe Tier, spart dabei aber sagenhafte 25.–! Apropos Bärfuss: Natürlich darf auch in Frankfurt die Literaturprominenz nicht fehlen. Neben Roger Willemsen, Martin Walser und Elke Heidenreich gibt es auch neue Gesichter mit neuen Namen. Etwa die omnipräsente Finnin Sofi Oksanen, den Schweizer Stefan Bachmann oder Karen Köhler, den neuen Darling des deutschen Feuilletons. Aber auch zahlreiche Kinder- und Jugendbuchautoren geben sich ein Stelldichein oder sitzen auf dem berühmten blauen Sofa. Kein Wunder, immerhin formen sie die Leser der Zukunft mit.

Und Zukunftsmusik wird in Frankfurt traditionell laut gespielt. Nachdem sie sich jahrelang auf den Evergreen vom «E-Book als Schlachtross der Zukunft» beschränkte (wiewohl der Marktanteil von E-Books mit unter 5% im Pianissimo-Bereich dümpelt) – schlägt man heuer neue Töne an. Der aktuelle Hit heisst: Self-Publishing. Und er klingt locker-leicht. Bücher an den Mann zu bringen, ohne alles Dazwischen: ohne Verlag, Buchhandlung oder Lektor – das ist verlockend, neuartig, irgendwie hautnah. Und wie viel schöner noch tönt diese Zukunftsmusik, wenn ein Mitarbeiter von Books on Demand (dem namhaften Anbieter von Self-Publishing) betont, dass die Texte mit der Schmuddelecke der Möchtegern-Autoren und selbst ernannten Schreib-Genies nichts mehr am Hut haben.

Das Schönste, seit es Bücher gibt: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

Die Realität am Messestand von Books on Demand hält mit der Zukunftsmusik nicht ganz Schritt: Die Covers sind laienhaft gestaltet, die Themen beliebig – vom Saucenkochbuch über Trauerarbeit bis hin zu Liebesromanzen in hundert Varianten. Das Fazit: Self-Publishing scheint noch immer der bevorzugte Kanal für literarische Pulp Fiction. Doch wer weiss, schliesslich hat «Pulp Fiction» schon einmal für Furore gesorgt. Zudem kann man nun fröhlich mitraten, welcher der zwei Lieblingsbegriffe sich künftig durchsetzen wird: das E-Book oder das Self-Publishing? Aber vielleicht schlägt der Messe-Hit des Jahres 2015 ganz neue Töne an: «Zeitsparendes Lesen im Schlaf» oder «Drucken Sie Ihren Starautor mit dem 3-D-Drucker selbst». Denn das ist und bleibt das Schöne, seit es Bücher gibt: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

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