Susanne Wille

Welcher Datendealer hat meine Nummer verkauft?

Call Center. (Symbolbild)

Call Center. (Symbolbild)

Ein verhaltenes Räuspern und dann der erstaunliche Satz: «Ich kann Sie nur anlügen, meine Dame.» (Nebenbei: Wer um Himmels Willen sagt heute noch meine Dame?) «Ich kann Sie nur anlügen.»

So die Antwort auf meine simple Frage, die ich dem Herrn am Telefon stellte und die lautete: «Woher haben Sie meine Handynummer?»

Angefangen hatte die bizarre Kommunikation zuvor mit einem Anruf irgendeines Zentrums, das – so wurde mir im Verlauf des Gesprächs klar – Krankenkassenprämien vermittelt. Ich sagte, ich hätte kein Interesse. Dass mit den neuen Prämienofferten die Hochsaison der luschen Makler beginnt, ist nichts Neues. Dass mit dem Dealen von Daten Geld verdient wird, ist auch kein Geheimnis. Doch mich beschäftigte, dass die Firma an meine Handynummer gelangt ist. Deshalb rief ich dort nochmals an und fragte. «Wenn Sie eine Antwort wollen, kann ich Sie nur anlügen», sagt der Herr also. «Ist das Ihr Ernst?», frage ich ungläubig. «Wir haben Ihre Nummer vom Staat?» – «Vom Staat?» – «Ja, von der Schweiz» – «Warum soll die Schweiz meine Handynummer besitzen und sie herausgeben?» – «Mehr weiss ich nicht.» – «Wie heissen Sie?» – «Schmidt» – «Darf ich Ihren Chef sprechen?» – «Der ist in einer Stunde wieder da.» – «Gut, dann rufe ich nochmals an.»

Wir müssen unseren Umgang mit persönlichen Daten hinterfragen

Verstehen Sie mich nicht falsch, um meine Telefonnummer per se geht es hier nicht, es geht vielmehr um die Datenkrake. Ich war zwar schon immer zurückhaltend mit privaten Informationen, habe noch nie die Crèmeschnitte im Café fotografiert und das Bild auf Facebook gestellt, aber ich war doch recht sorg- und arglos im Hinterlassen von Daten-Spuren. Seit einer «Rundschau»-Recherche zu Edward Snowden und der Massenüberwachung der NSA aber sieht das etwas anders aus. Man kann von Snowden halten, was man will, aber er hat eine Debatte angestossen, die uns zwingt, den Umgang mit persönliche Daten zu hinterfragen.

Das tue ich, und dennoch will ich es nicht übertreiben. Ich gehe nach wie vor auf Google, obwohl ich weiss, dass jede Suchanfrage ausgewertet wird. Ich verschicke über die ganz normalen Kanäle Mails oder Kurznachrichten. Ich lege auch nicht mein Handy in den Kühlschrank und dichte mit Kissen die Türen ab, wenn ich ein vertrauliches Gespräch führe, wie das bei den ganz Vorsichtigen der Fall zu sein scheint.

Doch neu benutze ich, ergänzend, auch andere Suchmaschinen, die die Anfragen nicht speichern. Ich schicke bei heiklen Themen in der Redaktion vermehrt verschlüsselte E-Mails, um Informationsquellen zu schützen. Ich benutze auch Kurznachrichtendienste, die keinen Zugriff aufs Adressbuch verlangen. Was bin ich nun? Bin ich sensibilisiert oder eben doch zu inkonsequent, paranoid oder doch zu nachlässig? Vielleicht setze ich einfach auf einen Datenschutz-Eklektizismus, der unsere widersprüchliche Haltung den persönlichen Informationen gegenüber unterstreicht. Wir wollen mit leichtem Herzen teilnehmen am Brummen und Surren des offenen Informationsaustausches, aber wir wollen dennoch nicht gläsern und verletzlich sein.

Es liegt an jedem Einzelnen, genau hinzuschauen und sich zu wehren

Einen Punkt finde ich aber entscheidend. Es gibt ja Stimmen, die behaupten, wer nichts zu verstecken habe, könne sorglos so weitermachen, wie bis anhin. In einer Zeit der Facebookposts, Instagrambilder, Selfies und Socialmediamanie sei es paradox, über zu viel Transparenz zu jammern. Gläsern würden wir uns selber machen. Einspruch. Nur weil wir in der modernen Gesellschaft offener private Daten preisgeben als die Generationen vor uns, haben wir noch nicht unser Recht auf Datenschutz verwirkt. Und hier liegt es an jedem Einzelnen, genau hinzuschauen und sich auch zu wehren.

Aus diesem Grunde wollte ich wissen, welcher Datendealer meine Handynummer verkauft hat. Und das ist auch mein gutes Recht. Laut Datenschutzgesetz (Artikel 8, Absatz 2) muss der Inhaber einer Datensammlung auf Anfrage mitteilen, woher die Informationen stammen.

«And now for the punchline», würde es bei den britischen Humoristen Monty Python heissen. Denn die Pointe hat tatsächlich was Humoristisches. Ich wollte also vom Chef des Herrn Schmidt hören, woher er meine Nummer habe. Gespannt rief ich, wie abgemacht, eine Stunde später nochmals an. Am andern Ende der Leitung meldete sich eine Stimme: « The number you have dialled is not in service.»

Glauben Sie mir, verwählt habe ich mich nicht.

* Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie hat das Nachrichtenmagazin «10vor10» moderiert und ist jetzt beim Politmagazin «Rundschau».

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