Vorbilder

Auch Schein führt bei Kim Kardashian zum Sein

Das US-Girl Kim Kardashian hat es geschafft, aus dem Nichts Millionen zu machen. Das dürfte die Erfinderin des Phänomens, Paris Hilton, kräftig ärgern.

Welch boshaftes Vergnügen, sich jetzt Paris Hilton vorzustellen! Nachdem man eine einzige Silbe hatte fallen lassen: Kim. Pures Gift für Paris. Zu sehen, wie bleich sie wird, grün und blau, wie sie schäumt, die Haare rauft. Zu hören, wie Paris flucht! Wie kein Bierkutscher je zu fluchen wagte, wie nur It-Girls fluchen können. Und Paris Hilton war die Berühmteste von allen, die Teuerste. Ein Tänzchen von ihr bei irgendeiner Party kostete 300'000 Dollar. Der Gipfel von Paris’ Glück bestand nicht darin, einen Schweizer zu freien. Das kratzt niemanden ausserhalb von Kreuzlingen und Pruntrut.

Nein, der Höhepunkt kam mit dem Angebot, in einem Film Mutter Teresa zu spielen. Dazu war es nie gekommen. Dafür ist Paris Hilton die Grossmutter aller It-Girls geworden. In nur zehn Jahren eine beachtliche Leistung. Und ein bitteres Schicksal im Metier, gleichbedeutend mit Existenzverlust. Da war Schein immer schon das wahre Sein gewesen. Das endete halt simpel: Indem eine Neue alles Scheinwerferlicht verdrängte, Kim.

«Verdrängen» passt; mehr ist zu Kims Äusserem nicht zu sagen. Nach Paris, die einen Schatten warf wie ein Bleistift, schienen jedenfalls Millionen beim Anblick Kims aufzuatmen, nicht bloss Männer – wobei niemand visuell «aufatmet», sondern eher um Atem ringt. Das ist schon die ganze Leistung von Kim Kardashian: Die Kategorie It-Girl belebte sie mit sehr weiblichem Volumen. Plötzlich rühmt alle Welt an ihr, wofür Paris Hilton noch verspottet und gescholten worden war: aus nichts Millionen zu machen.

Dieses Prinzip hat Kim Kardashian nicht erfunden. Ebenso wenig ihr Mann, der Rapper Kanye West. Kim soll inzwischen mehr verdienen als er, «einer der talentiertesten Rapper seiner Generation», schreibt der «Spiegel». Das Nachrichtenmagazin würdigt die Geschäftsidee des Paars als «Konzept allgegenwärtiger Hyperberühmtheit». Schmonzes. Überall zu sein und damit berühmt zu werden, ist die Verkaufsmatrix jedes It-Girls. Ein Typ mit mehr Wasserverdrängung wirkt da vornehmlich auch nur in der Breite.

Die Kardashians haben das Business besonders furchtlos arrondiert, trotz Kims armenischen Wurzeln uramerikanisch: «Land Ho!» Sie rafften alle verfügbaren Claims an sich und verteilten sie auf den Clan, auf fünf Schwestern, die Mutter und Kims Stiefvater, den ehemaligen Zehnkämpfer Bruce Jenner und heutige Frau Caitlyn. Als er/sie sich zur Transsexualität bekannte, schrie der Clan: «Um Gottes Willen, warte! Bist du sicher, dass alle Kameras laufen?» Natürlich musste niemand schreien; war alles längst geplant. Noch das letzte private Detail alimentiert die TV-Serie «Keeping Up with the Kardashians», die mittlerweile in 160 Länder verkauft wurde.

Das muss Paris Hilton heute zur Verzweiflung treiben: Was sie erfand, stellt sie jetzt in den Schatten. Als Paris berühmt wurde, gerieten Schlagersternchen und TV-Tanten noch gewaltig in Rage. Als hätten sie sich für ihren Tagesruhm ein halbes Leben schinden müssen. Solche Kritik lächelte Paris jeweils einfach aus. Sie wusste: Showbusiness, das sich um Verdienste oder Gerechtigkeit kümmert, wäre ein lausiges Showbusiness. Jetzt aber wird sie selbst um die Meriten betrogen. Leer sein – selbst das können heute andere besser.

Paris war von Anfang an in gewagter Mode aufgetreten; Kim zog sich ausser Öl gar nichts mehr an. Die TV-Soap von Paris Hilton («The Simple Life») versandete rasch; Kim dreht scheinbar endlos weiter. Paris hatte ein Schmucklabel, eine Modelinie, eine Uhrenkollektion und ein Parfüm; Kim hat sieben Parfüms, drei Modeboutiquen, Make-up-Firmen und Kinderkleidungs-Linien. Paris’ Chihuahua «Tinkerbell» wurde nach einem Schnupfen zum Internet-Galopper; Kim schafft das, indem sie ihre eineinhalb Jahre alte Tochter in Tierpelz hüllt.

Das alles ist Wahnsinn. Ödes Bling-Bling obendrauf. Und bleibt auf der Rückseite doch interessant – als Spiegel: Wer wäre denn heute frei von kümmerlicher Selbstvergewisserung nach allen Richtungen, auf allen Kanälen? Profi-Fotografen klagen, die Leute sähen sich fremde Bilder gar nicht mehr an, nur noch die eigenen. Privatbilder sind in Windeseile gepostet und geteilt. Als würfe man einen Funken von sich in ein gigantisches Spiegelkabinett. Um möglichst viele Reflexe aufglimmen zu sehen. Die Sicherheit allein aus sich zu schöpfen, am Leben zu sein, lebendig genug, diesen Alleingang, diese Würde traut sich kaum mehr jemand zu. Alles gibt man preis, um des Reflexes willen. Darin ist Kim Kardashian einsame Spitze. Und schöner sowieso.

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