Das Schweizer Nationalteam durchläuft gerade eine interessante Phase. Eine Phase, in der die spielerischen Fortschritte sich auch aufs Resultat niederschlagen. Eine Phase, in der das Team immer besser auf die taktischen Inputs seines neuen Trainers, Vladimir Petkovic, reagiert. Eine Phase auch, in der sich ein neuer Kern von Führungsspielern bildet.

Das passt nicht allen. Gestern verkündete Pirmin Schwegler seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Vorgestern griff Tranquillo Barnetta den Trainer an. Beide via «Blick». Der Boulevard hat in ruhigen Zeiten gerne ein offenes Ohr für frustrierte Mitläufer. Ob er das auch hätte, wenn der Trainer noch Ottmar Hitzfeld hiesse? Und ob sich Spieler wie Schwegler oder Barnetta solche Rundschläge leisten würden? Man darf beides bezweifeln.

Was ist von diesen Entscheidungen zu halten? Schwegler hatte zwar unter Petkovic noch keine Chance. Aber das ist verständlich. Erstens nutzte er die Chancen unter Hitzfeld nicht. Zweitens ist Petkovics Signal, auf Fabian Frei zu setzen, ein Gutes. Wer mit dem FC Basel in der Schweiz und europäisch herausragend spielt, wird gegenüber einem Spieler eines Bundesliga-Mittelfeldklubs nicht benachteiligt. Auch wenn es kein abschliessendes sportliches Urteil gibt, ob Schwegler sportlich der Schweiz eine Hilfe wäre (Tendenz: nein!), irritiert sein Rücktritt. Im Gegensatz zu Gelson Fernandes oder Blerim Dzemaili reist Schwegler nicht seit Jahren mit dem Nationalteam zu jedem noch so weit entfernten Freundschaftsspiel.

Barnetta ist zwar faktisch noch nicht zurückgetreten, aber unter diesen Voraussetzungen ist eine Rückkehr ins Team schwer vorstellbar. Mag sein, dass er zur Überraschung vieler bei Schalke derzeit zur Stammformation gehört. Aber muss ein Trainer deshalb gleich einen Spieler wie Stocker oder Mehmedi zu Hause lassen? Muss er nicht. Zumal beide über die letzten zwei Jahre mehr Konstanz zeigten im Verein. Wie sehr Schalke an Barnetta hängt, bleibt ebenfalls abzuwarten. Vieles deutet auf eine Trennung Ende Saison.

Kommen wir zur menschlichen Komponente. Die Schweiz ist eine heterogene Gruppe. Eine Mischung aus Deutschschweizern, Romands und Secondos mit Wurzeln im Balkan. Damit die Mannschaft als ganze funktioniert, müssen sämtliche Grüppchen zufrieden sein und einander akzeptieren. Wenn der Trainer selbst ein Secondo ist, ist es nicht auszuschliessen, dass es im und rund um das Team Strömungen von Deutschschweizern gibt, die sich etwas um ihre Position sorgen. In diesem Fall wirken dann Absenzen von Schwegler und Barnetta plötzlich schwerer, als sie eigentlich sind. Gerade Barnetta war einer, der von allen akzeptiert und geschätzt war, wertvoll auch dank seiner Erfahrung. Deshalb kann man sich vielleicht fragen, ob Petkovic Barnetta noch einmal hätte anrufen und begründen sollen, warum er ihn nicht aufbietet – obwohl dieser schon gegen Litauen und Polen nicht dabei und die Situation darum gar nicht mehr neu war. Einen anderen Fehler darf dem Trainer indes niemand vorwerfen. Vielleicht gilt die Binsenwahrheit im Nationalteam noch stärker als im Klubfussball: Erfolg hat nur, wer ein echtes Team ist. Wer das nicht begreifen will, muss der Schweizer Auswahl fernbleiben. Wie Schwegler. Und bald Barnetta.