Kommentar zu Literaturnobelpreis

Modiano: Wir sind überrascht – und beschämt

Patrick Modiano gestikuliert an einer Medienkonferenz

Patrick Modiano gestikuliert an einer Medienkonferenz

Patrick Modiano. Als Peter Englund, der Sekretär der Schwedischen Akademie in Stockholm, gestern um 13 Uhr den Namen verkündete, blieb es erst mal ruhig. Patrick wer?

Der Jury ist es also wieder gelungen, uns mit ihrer Wahl beim Literaturnobelpreis zu überraschen – und auch ein bisschen zu beschämen. Denn eigentlich, eigentlich sollte man als einigermassen literaturbeflissener Mensch den französischen Autor kennen. Wenn man nämlich zu recherchieren beginnt, merkt man, ja, man hat schon über ihn gelesen (kurz auch in unserer Zeitung), man hat schon von ihm gehört, etwa weil er den Prix Goncourt, die höchste französische Literaturauszeichnung, bekommen hat. Aber der Name hat sich nicht im Gedächtnis eingenistet, weil man selber noch kein Buch von ihm gelesen hat. Oder auch, weil sein Name verdrängt wurde von Berichten über Preise oder lesenswerte Bücher anderer Autoren. Ganz zu schweigen von Nachrichten aus den weiteren Kultur-Sparten.

Wer kann heute die Übersicht wahren? Spezialisten gewiss, doch auch die Literatur-Fachleute sind Spezialistinnen und Spezialisten in einem Segment. Dem ihres eigenen Sprachraums oder Studiums. Die Menge an Büchern, das zeigt jetzt gerade wieder die Frankfurter Buchmesse, ist immens. Anlässe und Preise helfen, sich in der Flut zurechtzufinden. Dieses Jahr beschäftigen wir uns vertieft mit finnischer Literatur, weil Finnland Gastland in Frankfurt ist. Nächstes Jahr wird es, wie auch gestern bekannt wurde, Indonesien sein. Eine literarische Terra incognita. Indonesien stellt Geld zur Verfügung, damit Werke übersetzt werden. Übersetzer zu finden, sei aber eine Herausforderung, sagte Buchmesse-Chef Jürgen Boos.

Das gilt nicht bei Patrick Modiano. Seit 1979 erscheinen die Bücher des Franzosen auch auf Deutsch, eines der ersten gar übersetzt von Peter Handke. Zuerst mit Suhrkamp, und seit 1996 mit Hanser bringen grosse deutsche Verlage seine Werke heraus. Gut also, hat uns das Nobel-Komitee kräftig auf Patrick Modiano aufmerksam gemacht; auf den Autor, der über das Erinnern schreibt. Auf dass er in unserer Erinnerung bleibt.

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