Interview

200 Jahre Theodor Fontane: Das würde der berühmte Schriftsteller heute sagen, wenn er interviewt würde

Die Schauspielerin Billie Bertozzi in einem Kleid aus der Zeit Theodor Fontanes.

Die Schauspielerin Billie Bertozzi in einem Kleid aus der Zeit Theodor Fontanes.

Kein männlicher deutscher Autor hat so einfühlsam und zeitkritisch von weiblichen Lebensläufen erzählt wie er. Am Montag jährt sich der Geburtstag von Theodor Fontane zum zweihundertsten Mal.

Unüberwindliche Standesunterschiede, bigotte Sexualmoral, Frauen als Heiratsware: Wer Theodor Fontanes Romane als Zeitkritik liest, schaut erschüttert in ein zynisches Jahrhundert. Die Männer gefangen in feigem Patriarchenstolz, die Frauen verkümmert in Liebessehnsucht. Wer seine Romane als Seelenkunde liest, ist begeistert von Fontanes Menschenkenntnis, Zartgefühl und Freundlichkeit. Ein Gespräch mit dem Romancier, der in seinen Werken weiterlebt.

Ist da der Dichterolymp? Hallo, Herr Fontane!

Ja, bitte?

Sie wurden 1819 in Neuruppin geboren, 73 km nordwestlich von Berlin. Dort starben Sie 1898. Dürfen wir Sie trotzdem um ein kleines Gespräch bitten?

Was soll der Unsinn? Ich bin tot!

Aber durch Ihr Werk leben Sie in uns weiter.

Also gut. Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig.

Ein Fontane-Satz! Sie waren Apotheker, Journalist und Theaterkritiker. Zwischen Ihrem 60. und 80. Lebensjahr schrieben Sie 16 Romane und Erzählungen. Eine unglaubliche Spätblüte! 1895 erschien Ihr Bestseller «Effi Briest». Worum geht es in dem Roman?

Die blutjunge Effi wird adelsüblich mit dem viel älteren Landrat Geert von Innstetten verheiratet und bekommt die Tochter Annie. Sie bleibt unerfüllt, während sich ihr Mann mehr um seine Karriere als um seine Frau kümmert. Sie verfällt dem Major von Crampas, einem typischen Damenmann!

Schriftsteller Theodor Fontane

Schriftsteller Theodor Fontane

Und dann führt der patriarchale Ehrbegriff zur Tragödie.

Ja, genau. Innstetten wird Ministerialrat in Berlin. Dort entdeckt er nach Jahren Liebesbriefe von Crampas an Effi. Der perverse Ehrbegriff des Adels verlangt das Duell. Innstetten erschiesst Crampas. Nach der Scheidung der gesellschaftlich verfemten Effi wird Annie dem Vater zugesprochen. Einmal fertigt das Kind die Mutter ab mit vom Vater eingedrillten Floskeln. Effi bricht zusammen, wünscht sich den Tod. Die Eltern nehmen die verstossene Tochter wieder auf. Bald stirbt sie voller Todessehnsucht. Aber interessiert Sie das heute noch?

Ihr Schicksal bewegt damals wie heute. Effi Briest soll übrigens ein reales Vorbild gehabt haben, die Baronin Else von Ardenne.

Die Else-von-Ardenne-Affäre war eine Ehebruchgeschichte wie hundert andere und hatte, als mir die Frau meines Zeitungsverlegers, Frau Lessing, davon erzählte, weiter keinen Eindruck auf mich gemacht. Wenn die Lessing nicht diesen Lockruf erwähnt hätte! Ich verstand so etwas wie «Effi, komm». Da stieg ein Bild vor mir auf.

Sie meinen die Szene im Roman, wo Effi mit Innstetten verbandelt werden soll und er auf sie zutritt.

Genau, da steht «und im selben Augenblick wurden an dem mittleren der weit offenstehenden und von wildem Wein überwachsenen Fenster Effis Freundinnen sichtbar, und Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein.»

Und sie rief: «Effi, komm!»

Das Auftauchen von Effis Freundinnen mit diesem Lockruf just bei Innstettens Erscheinen – aus der Szene ist der ganze Roman entstanden. In Wirklichkeit müsste es «Else, komm» geheissen haben.

Sie wussten, 1886 erschoss Else von Ardennes Mann, der spätere General von Ardenne, ihren Geliebten, den Richter Emil Hartwich, bei Berlin im Duell. Er hatte Liebesbriefe an Else gefunden – wie Innstetten die von Crampas an Effi.

Wie ging es weiter mit Else?

Sie wurde verstossen wie Effi. Ardenne entzog ihr die beiden Kinder, wie Innstetten die Tochter Annie von Effi. Else wurde Krankenschwester, arbeitete im appenzellischen Heiden und ab 1918 in Lindau am Bodensee. Effi erlosch todessehnsüchig mit 30 Jahren. Else starb 1952 in Lindau, 54 Jahre nach Ihnen.

Danke für den Hinweis!

Herr Fontane, Sie waren ein selten grosser Frauengestalter. Etwa in «Cécile» oder «L’adultera» (die Ehebrecherin) und eben in «Effi Briest». Mit der untreuen, aber zauberhaften Effi haben Sie ausgerechnet im moralrigiden Preussen Furore gemacht.

Das Natürliche hat es mir seit Langem angetan, ich lege nur darauf Gewicht, fühle mich nur dadurch angezogen, und dies ist wohl der Grund, warum meine Frauengestalten alle einen Knacks weghaben. Gerade dadurch sind sie mir lieb, ich verliebe mich in sie, nicht um ihrer Tugenden, sondern um ihrer Menschlichkeiten, das heisst um ihrer Schwächen und Sünden willen.

Wie stand es um Ihr eigenes ­Liebesleben? Immerhin waren Sie bis zu Ihrem Tod 48 Jahre mit der gleichen Frau verheiratet, mit Emilie Rouanet-Kummer.

Es gab keine Standesunterschiede, nur fünf Jahre Altersdifferenz. Wir stammten beide aus dem Hugenotten-Milieu Berlins. Ihr Vater war Arzt, meiner Apotheker. Der glücklichste Moment meines Lebens war unsere Verlobung.

Ihre attraktive Frau Emilie soll «irdischer» gewesen sein als Sie und nie ganz an Ihr schriftstellerisches Talent geglaubt haben. Schwer- und Leichtnehmen – das trennt Ihre Paare.

Nicht uns! Emilie gab mir Lebensnähe und Lebensfülle. Und sie hat meine ­unzähligen Manuskripte ins Reine geschrieben!

In Berlin erregte damals neben der Ardenne-Affäre auch die des Künstlers Karl Stauffer-Bern und der Zürcherin Lydia Escher die Gemüter – Tochter Alfred Eschers und Frau von Friedrich Emil Welti, Sohn des einflussreichen Bundesrates Emil Welti.

Ich kannte ihn. Er wohnte im Nebenhaus an der Potsdamer Strasse.

In der Schweiz durchlebte er dann eine Affäre mit Lydia Escher-Welti. Skandal! Während Effi Briest todessehnsüchtig sanft dahingeht, begehen Lydia Escher und Karl Stauffer-Bern Suizid nach «Sündenfall» und Trennung – die ihn zeitweise ins Gefängnis und sie ins Irrenhaus brachte. Es heisst, Sie hätten erwogen, statt der Ardenne-Affäre die von Escher/Stauffer als Stoff zu nehmen.

Berlin lag mir dann doch ganz wörtlich näher.

Die damals jungen Wilden haben Sie alter Autor übrigens vehement verteidigt, als Ihre überaus zarte Liebesgeschichte «Irrungen Wirrungen» als «grässliche Huren­geschichte» verdammt wurde.

Darin verbringen eine junge Frau und ein junger Mann doch tatsächlich eine Nacht in einem Gasthaus. Unverheiratet! Wie ist es denn heute bei Ihnen?

Heute haben wir den One-Night-Stand. Für die Sache der Frau haben Sie übrigens, wie Gustave Flaubert mit seiner «Madame Bovary» oder Leo Tolstoj mit «Anna Karenina», indirekt viel getan, durch Ihre tief berührende Kunst. Ihr künstlerisches Credo?

Erst der, der die ihm gekommene Stimmung: das rätselvoll Unbestimmte, das wie Wolken Ziehende scharf und genau festzuhalten und diesem Festgehaltenen doch zugleich auch wieder seinen zauberischen, im Helldunkel sich bewegenden Schwankezustand zu lassen weiss – der ist der Meister.

Sie leben ja wirklich mit Ihrem Werk in uns weiter! Es gibt fünf Verfilmungen nach Ihrer «Effi Briest» – etwa 1974 von Rainer Werner Fassbinder und zuletzt 2009 von Hermine Huntgeburth.

Ver-fil-mungen?

Eine bewegte Fotografie, mit Ton.

Aha.

1958 kam von Samuel Beckett das Monodrama «Das letzte Band» heraus. Darin sagt der Schriftsteller Krapp: «Sah mir die Augen aus, indem ich wieder einmal ‹Effi Briest› las, eine Seite pro Tag, wieder einmal unter Tränen. Effi ... Hätte mit ihr glücklich sein können, da oben an der Ostsee, und die Kiefern und die Dünen.»

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