400 Jahre Molière
Er hat das Ärzte-Bashing erfunden: Wäre der grosse Molière heute ein kleiner Freiheitstryrchler?

Der Jahrhundert-Dramatiker Molière feiert seinen 400. Geburtstag und ist aktuell wie nie. Denn auch in seiner Zeit waren Ärzte den Politikern in ihrem Einfluss überlegen. Molières Mediziner-Bashing hat allerdings auch todernste Gründe.

Daniele Muscionico
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Molière, Schauspieler, Theaterunternehmer, Regisseur und Jahrhundert-Satiriker mit einem aktuellen Feindbild: Mediziner. Am 15.1.2022 jährt sich sein 400. Geburtstag.

Molière, Schauspieler, Theaterunternehmer, Regisseur und Jahrhundert-Satiriker mit einem aktuellen Feindbild: Mediziner. Am 15.1.2022 jährt sich sein 400. Geburtstag.

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Er ist der Erfinder der schwarzen Komödie, denn die Zeit, in der Molière lebte, war düster – in Bezug auf das Gesundheitswesen. Ähnlich wie heute war der Einfluss der medizinischen Fakultät auf die Politik enorm.

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts waren Mediziner die heimlichen Machthaber. Der König war zwar der absolute Herrscher – doch über ihm gab es noch sie, die Ärzte. Mit verheerender Wirkung für den Sonnenkönig. Historiker meinen, die Ärzte-Armada, die sich täglich um ihn drehte und vor ihm das Rad schlug, hätte ihn quasi hingerichtet.

Seine Ärzte zogen Louis VIX. die Zähne und brachen ihm dabei den Kiefer. Wenn der Regent Schwächen oder Unwohlsein anmeldete, liessen sie ihn zur Ader, «purgierten» ihn mit Einläufen und verschrieben ihm irrwitzigste Tinkturen und Mixturen, Pferdemist war nicht das Schlimmste. Molière, der Hofdichter, sah diesen Aberwitz wohl mit eigenen Augen.

Die Folgen der Behandlung waren Verstopfung des Patienten, Schwindel und schliesslich eine königliche Vergiftung. Zu diesem Zeitpunkt hatte Molière seine Ärztesatire «Der eingebildete Kranke» schon geschrieben und aufgeführt – den König im Publikum. Der sich bestens unterhielt.

Käme der Dichter und Theaterunternehmer heute, 400 Jahre später, noch einmal zur Welt, wer weiss, ob er nicht gegen die Ärzte und Epidemiologen mit Schellen ins Feld zöge.

Molières Verachtung für die Kurpfuscher, Quacksalber und die Gesundbeter seiner Zeit, denn das waren die sogenannten Arztpersonen damals entsprechend dem herrschenden Wissen, hatte jedenfalls gute Gründe.

In anderer Hinsicht musste er auch seinem Brotherrn gefallen. Und weil der ehrgeizige Molière, getauft als Jean-Baptiste Poquelin, davon lebte, dass der Sonnenkönig sich amüsierte und sich von seinem täglichen Schröpfen, Aderlassen und Purgieren erholen sollte, schrieb er, was diesem gefiel: komische Stücke, Ballett-Komödien mit Tanzmusik, die Bezug nahmen auf die komischsten Vertreter des Menschengeschlechts. «Unzulänglichkeitskomik» nennt sich das Prinzip, das darauf aus ist, aus den Defiziten der Menschen komisches Potenzial zu schlagen.

Mit spitzer Feder gegen die menschlichen Laster - wie die Medizin

Heute sind die Komödien des Jahrhundertdichters Klassiker. Sie heissen «Tartuffe», «Der Menschenfeind», «Der Geizige» oder eben «Der eingebildete Kranke».

Komödie um einen religiösen Heuchler: «Tartuffe» mit Starbesetzung Maria Becker (Mitte) und Tilo Nest (links) am Schauspielhaus Zürich.

Komödie um einen religiösen Heuchler: «Tartuffe» mit Starbesetzung Maria Becker (Mitte) und Tilo Nest (links) am Schauspielhaus Zürich.

PD

Gezogen von den Fäden des Molière und unter dessen entblössendem Blick tanzten in seinen Stücken ab 1660 im Pariser Palais Royal, dem damals grössten Theatersaal Europas, die Kopien der Pariser Pappenheimer. Die da waren: Geizige, Lüsterne, Parvenüs, Heuchler, Frömmler, Damen, deren Geist ihren geistigen Ansprüchen nicht gewachsen war – und natürlich die Ärzte. Sie hatten bei Molière einen besonders prominenten Platz in seinem Katalog der Lästerlichen.

Ganze sechs Komödien hat er der nämlichen Zunft gewidmet. In «Die Liebe als Arzt» (1665) erfrechte er sich sogar, die fünf berühmtesten Pariser Ärzte zu verballhornen. Er stellte sie derart unmissverständlich aus, dass alle im Publikum wussten, wer gemeint war. Was für ein Skandal!

Sein bekanntestes Stück, seine letzte Zeitsatire, «Der eingebildete Kranke», uraufgeführt am 10. Februar 1673, ist an Perfidie und an echter Tragödie kaum zu überbieten. Die Titelfigur nämlich, die sich einbildet, krank zu sein, bildet sich nicht nur ein, krank zu sein: Sie ist es wirklich. Der Kranke leidet allerdings nicht an den Krankheiten, die von kurpfuschenden Ärzten behandelt werden, sondern eben an seiner Einbildung: Er ist ein Hypochonder.

Todeskampf auf der Bühne – und das Publikum lacht

Der Autor Molière war das nicht. Er war zeitlebens ernsthaft krank und gesundheitlich schwächelnd. Sein erster Schub fiel in den Winter 1665/66, er wurde durch fortwährenden Husten gequält sowie durch Beklemmungen und Atemnot. Öfters versagte seine Stimme vollständig. Auch deshalb hüsteln oder husten seine Figuren auf der Bühne nicht selten. Molière konnte sie spielen, auch wenn es ihm nicht gut ging.

So sehr er sich über die Heilmittel und die damalige Ärzteschaft lustig machte: Überlieferte Rechnungen zeigen, dass er regelmässig zwei Apotheker beschäftigte. Man weiss auch, dass er anordnete, dass man ihn an besonders schlechten Tagen viermal zur Ader lassen sollte. Seine Verachtung für die Medizin entsprach der Abhängigkeit von ihr.

Und selbst als bei ihm Tuberkulose ausbrach, liess er es sich nicht nehmen, weiterhin in seinen eigenen Stücken aufzutreten. Gegen alle Einwände seiner Freunde und Familie spielte er auch den «Eingebildeten Kranken» höchstpersönlich.

In der vierten Vorstellung, in der letzten Szene, erlitt er auf der Bühne einen Blutsturz, verbarg sein Husten als Lachen, das Publikum lachte mit – und erstickte an seinem Blut wenig später zu Hause. Noch im Kostüm des eingebildeten Kranken. Echter mochte ein Sterbender nie gespielt worden sein.

Er war 49 Jahre alt, als er verstarb. Wüsste er, wie aktuell seine Medizin-Satiren heute wieder sind, er amüsierte sich wie damals der König in seinen Stücken – royal.

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