Aargauer Ausbrecherkönig
Böser Bub und lieber Siech: Das Kurtheater Baden geht dem Matter-Mythos auf die Spur

Bernhart Matter ist Ausbrecherkönig und Aargauer Volksheld. Das Kurtheater Baden geht in einem temporeichen Liederabend dem Mythos um den Gauner auf die Spur.

Anna Raymann
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Das Kurtheater Baden macht aus dem Ein- und Ausbrecherkönig Bernhart Matter eine vielschichtig klingende Bühnenfigur.

Das Kurtheater Baden macht aus dem Ein- und Ausbrecherkönig Bernhart Matter eine vielschichtig klingende Bühnenfigur.

Toni Suter / Tanja Dorendorf

Keine Mauer zu hoch und kein Schloss zu fest, bestohlen werden nur die Reichen, die armen Leute werden in Ruhe gelassen – das ist Stoff, aus dem wahre Heldengeschichten gestrickt sind. Der Aargauer Robin Hood heisst Bernhart Matter, vor 200 Jahren wurde er als viertes von neun Kindern in Muhen geboren. Er führte ein wildes, aufregendes Heldenleben, dem die Justiz ein frühes Ende bereitete: 1854 wurde er in Lenzburg auf dem Schafott hingerichtet, es sollte die letzte öffentliche Hinrichtung im Kanton gewesen sein. Matter, der Pechvogel.

Mit diesem Heldenstoff eröffnet das Kurtheater Baden seine Saison. Es ist ein abwechslungsreicher Liederabend, eine bunte Collage aus Sprechtheater, Video und Kammeroper, den der Komponist Christoph Baumann, der Videodesigner Kevin Graber, der Autor Markus Kirchhofer zusammen mit dem Regisseur Nils Torpus auf die Bühne bringen. Für Uwe Heinrichs, künstlerischer Direktor des Hauses, stimmt der Moment: «Es ist wunderbar, die Saison mit dieser besonderen Eigenproduktion, einer Aargauer Geschichte und einer Aargauer Crew zu starten.»

Ein echter Gauner und Schürzenjäger

Aber wer war dieser Matter denn überhaupt? Antworten darauf gibt es so viele, dass sich Isa Wiss und Herwig Ursin, das Schauspielduo auf der Bühne, sparen, eine weitere hinzuzudichten. Stattdessen setzen sie in Text, Bild und Musik die verschiedenen Deutungen um den Aargauer Gauner wie Puzzlestücke zusammen. Auch Regisseur Nils Torpus lässt sich nicht auf eine einzelne Interpretation ein. «Bernhart Matter ist ein Mythos: indem er zu Robin Hood, einem Frauenheld und Ausbrecherkönig wurde», so Torpus. Im Stück singen Wiss und Ursinn dann: Matter sei ein «cheibefräche», aber eben auch ein «schampar liebe Siech».

Anfang 2021 erschien die Neuaflage der Graphic Novel «Matter» mit den rauschenden Zeichnungen von Reto Gloor.

Anfang 2021 erschien die Neuaflage der Graphic Novel «Matter» mit den rauschenden Zeichnungen von Reto Gloor.

Edition Moderne

Bernhart Matter lebte in einer Zeit der Entbehrungen. Er führe ein «himmeltrauriges Leben», so schrieb es Matter selbst in einem Brief an seine Frau Barbara. Das Geld, das Essen, alles war knapp. Drei seiner Brüder wanderten wie Tausende andere Schweizer hoffnungsvoll in die Staaten aus. Auch Bernhart wäre ihnen gerne nachgezogen, die Syphilis, die er in einem Bordell aufschnappte, machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung. Also führte er sein Räuberleben fort. Etliche Male wurde er gefasst und eingesperrt, etliche Male brach er wieder aus – egal ob aus dem Zuchthaus in Baden oder aus der Festung Aarburg.

Für das Stück in Baden rechnete man nach: Matter ergaunerte über die Jahre rund 4300 Franken (heute wäre das etwa eine halbe Million). Die Summe ist hoch, doch schon damals rechtfertigt sie nur schwer die Todesstrafe. Die Empörung war gross, 2000 Menschen kamen im Mai 1854 zu Matters Hinrichtung nach Lenzburg und sahen zu, wie ihn Franz Josef Mengis enthauptete. «Eine unglaubliche Verwirrung des Geistes», schrieb darauf die Dorfzeitung und: «Noch in 100 und 100 Jahren wird man über dieses Urteil sprechen».

Ein flammendes Stück gegen die Todesstrafe

Und so kam es auch. Sogar Namensvetter Mani Matter staunte in seinem Lied «Ahneforschig» über den Entscheid, «Nid die Gfängnis besser z’bschliesse/Nei, däm Schelm dr Chopf abzschla».

Das Stück des Kurtheaters Baden fragt nun schon im Untertitel: «Justizmord aus Notwehr?» Damit öffnet es das Plädoyer gegen die Todesstrafe. Erst 1940 wurde in der Schweiz das letzte Todesurteil vollzogen. Und noch immer gibt es zahlreiche Länder, sei es nur schon die USA, in denen Verbrechern die Todesstrafe droht. In Baden gedenkt man ihnen genauso wie all den vergessenen Namen, die vor Matter in Lenzburg auf dem Schafott ihr Leben liessen.

«Es ist ein uraargauischer Stoff und das berührt mich. Die Geschichte und die Orte sind real. Unter den Fünflinden liegt Bernhart Matter begraben, man kann ihn regelrecht noch spüren», sagt Nils Torpus. 2021 ist ein echtes Matter-Jahr. Im Februar erschienen die Graphic Novel von Markus Kirchhofer und die mitreissenden Zeichnungen von Reto Gloor in einer Neuauflage bei «Edition Moderne». Nun kommt das Stück nach Baden, bevor es weiter zieht in die Alte Reithalle nach Aarau – in direkter Nachbarschaft zur Kaserne, an der Matter als Maurer mitgebaut hat.

«Matter – Justizmord aus Notwehr?» 22. und 23. 10., Kurtheater Baden, 16. und 17. 11., Bühne Aarau.

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