Kunst
Achtung, Suchtgefahr: James Turrell macht aus Licht Kunst

Keiner lässt uns mehr staunen als James Turrell – auch wenn die Kunst des 75-jährigen Amerikaners «nur» aus Licht besteht.

Sabine Altorfer
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Erlebnisraum aus Licht: James Turrells «Ganzfeld Apani» von 2018 in Baden-Baden changiert vom sanften Blau bis Violett.

Erlebnisraum aus Licht: James Turrells «Ganzfeld Apani» von 2018 in Baden-Baden changiert vom sanften Blau bis Violett.

Florian Holzherr

Gehen Sie nicht mit einem Physiklehrer in diese Ausstellung. Er könnte Ihnen das Ausstellungserlebnis versauen. Oder es zumindest versuchen. Denn was sich der Lichtzauberer James Turrell ausdenkt und uns vorsetzt, ist Magie. Und Schönheit. Und metaphysisches Erlebnis.

Zu erleben ist das im Museum Frieder Burda in Baden-Baden – ist ja nur ein Katzensprung über den Schwarzwald. Aber bestellen Sie zur Sicherheit die begehrten Tickets online.

Ausstellung

James Turrell: The Substance of Light. Museum Frieder Burda, Baden-Baden, bis 28. Oktober.
Katalog: James Turrell. Extraordinary Ideas – Realized. Verlag Hatje Cantz, 192 S., ca. 65 Franken.

Gehen wir rein. Ziehen Sie sich die Überschuhe an, betreten Sie den ausgeleuchteten Raum, das Licht umfasst Sie, wechselt unmerklich vom hellen Blau über Ocker und Rosa bis ins magisch-dunkle Violett, der Raum wird weiter und tiefer ... Sie glauben, Ihr Blick schweife ins Unendliche. Wow!

Plötzlich zuckt und flackert das Licht unangenehm: fertig mit dem Traum. Man fordert Sie auf, in die reale Welt zurückzusteigen, die Überschuhe abzugeben. Doch die Sinne sind noch so bezaubert wie überfordert. Noch einmal, noch einmal, betteln Seele und Augen – auch das Hirn meldet Wiederholungsbedarf. Irgendwie möchte man die Tricks von James Turrell doch verstehen.

Dem Himmel näher

Doch bevor Sie in Ihrem physikalischen Basiswissen grübeln oder googeln, machen Sie den Rundgang weiter. Turrell kann noch mehr. LED-Lampen fabrizieren in dunklen Glas-Spiegelscheiben so hübsche wie verspielte Hologramme, Projektionen von geometrischen Figuren überlisten optisch die real vorhandenen Raumecken, und mit Licht gaukelt man uns Räume vor, wo keine sind.

James Turrell, 1943 in Los Angeles geboren, ist auch mit Land Art gross geworden. Grösser als im «Roden Crater» in der Wüste von Arizona geht es nicht. In einem erloschenen Vulkankrater, einem riesigen Gelände, hat er in den 1970er-Jahren eine Vielzahl von Beobachtungsräumen, Gängen und Tunneln geschaffen, in denen der Mensch erlebt, was Himmel und natürliches Licht ist, wie sich die Erde dreht, wie klein er und wie gross die Natur ist. Es ist ein einzigartiges und poetisches Observatorium, ein Auge zum Universum.

Lehrstück in praktischer Physik

Wie perfekt Turrell die Wirkung von Licht beherrscht, erleben Sie in Baden-Baden in der «Dual Shallow Space Construction». Stellen Sie sich zwischen die beiden Räume, an deren Stirnseite hinter einem Wandstück Lichtquellen versteckt sind. Sie fluten nicht nur die Räume, sondern erzeugen vor allem in unseren Köpfen wie an den Wänden des Korridors Reflexe, Gegenfarben und Täuschungen. Diskutieren Sie nun über Physik – Ihren Genuss und Ihr Staunen kann das nicht mehr behindern.

Lichtraum «My Light» von James Turrell im Kinderspital Zürich.

Lichtraum «My Light» von James Turrell im Kinderspital Zürich.

Florian Holzherr

Turrell in der Schweiz:

Im Kinderspital Zürich wirkt James Turrells Licht als Medizin – rezeptfrei

Will man die Wirkung von James Turrells Lichträumen beschreiben, landet man unweigerlich in einem fast esoterischen Vokabular. Magisch, unendlicher Raum, so anregend wie beruhigend. Warum also nicht auch heilend? Dieses Wort brauchen die Verantwortlichen des Kinderspitals Zürich nicht, aber seit diesem Frühjahr setzen sie auf die Kraft von James Turrells Lichtkunst.

«Im Umgang mit besonders belastenden Situationen brauchen Patientinnen und Patienten, Angehörige und oft auch Mitarbeitende des Kinderspitals besondere Unterstützung», schreibt das Kinderspital. Der Pavillon «My Light» biete «Ruhe und Inspiration, Platz für Freude und Glück, aber auch für Trauer und Trost». Eine elliptische Lichtquelle taucht Raum und Besucher in ein Licht, das sich langsam farblich verändert. Ein Bänkli davor lädt zum Verweilen, zum Abtauchen in die Farbe wie in sein Inneres.

Das Erlebnis löse individuelle Gedanken und Gefühle aus. «So entsteht für jede und jeden ein ganz persönliches Stück Licht – eben ‹My Light›», schreibt das Kinderspital.

My Light

Kinderspital Zürich. Für Patientinnen, Patienten, Angehörige und Mitarbeitende täglich von 9 bis 21 Uhr (mit Schlüssel). Öffentlich zugänglich. Bis 30. September, jeweils sonntags, 13 bis 17 Uhr.

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