Kultur

«All my loving»: Lars Eidinger spielt wieder in einem Geschwisterfilm

Der arbeitslose Stefan (Lars Eidinger) zieht sich seine Uniform nur an, um an der Flughafenbar Frauen aufzureissen.

Der arbeitslose Stefan (Lars Eidinger) zieht sich seine Uniform nur an, um an der Flughafenbar Frauen aufzureissen.

Der deutsche Star Lars Eidinger wäre jetzt eigentlich in einem Schweizer Film im Kino. Nun aber bringen ihn die Schweizer Kinos via Streaming in die Wohnzimmer. In einem anderen Film zwar, nämlich in «All My Loving», dafür in einer ähnlichen Rolle.

Stefan will die Pilotenuniform nicht ablegen. Dabei darf er, der 41-Jährige, gar nicht mehr fliegen, weil er einen Teil des Hörvermögens verloren hat. Warum aber die Uniform? Sie erlaubt es ihm, seine ewige Suche weiterzuverfolgen: In Uniform setzt er sich an Hotelbars – und reisst Frauen auf. Dabei ist Stefan ein Leidender. Gespielt wird er vom Berliner Theater- und Filmstar Lars Eidinger. Keiner spielt den Leidenden schöner als er. Gut, ausserhalb des deutschen Sprachraums vielleicht noch Joaquin Phoenix.

Doch in deutschsprachigen Produktionen war Eidinger als von einer Krankheit oder Zwängen Geplagter jüngst gleich mehrfach zu sehen: in der deutschen Zwischenkriegsserie «Babylon Berlin» als Spross einer reichen Industriellenfamilie oder an der diesjährigen Berlinale in der Schweizer Premiere «Schwesterlein» als einen an Leukämie erkrankten Theaterspieler, der um seine letzte Rolle kämpft. Nun ist Eidinger in «All My Loving» als erkrankter Mann in einer Midlife-Crisis mit schnellem Wagen, grosser Wohnung und schönen Frauen zu sehen.

Die Hälfte der Einnahmen geht an die Kinos

«Schwesterlein» wurde vom Verleiher wegen der Coronakrise zurückbehalten. Ins Kino kommt er wie viele andere Filme erst im Herbst. «All My Loving» ist nun so etwas wie der Ersatzfilm dafür. An der Berlinale lief er bereits vor einem Jahr, doch in der Schweiz fand die Produktion vorerst keinen Verleiher. Nun hat der Schweizer Filmverleiher Outside the Box die Filmrechte gekauft und zeigt den Film, bei dem Edward Berger Regie führte, ab heute Donnerstag auf seiner eigenen Video-on-Demand-Plattform. Die Hälfte des Erlöses geht dabei an diejenigen Kinos, die mitmachen und über deren Websites man ebenfalls auf das Angebot gelangt.

«All My Loving» lohnt sich nicht nur wegen Lars Eidinger. Sondern auch wegen der subtilen Geschichte dreier Geschwister, die an einem Scheidepunkt angelangt sind. Nichts ist schwarz-weiss, alles ist in Grautönen erzählt. Klar ist nur weniges, wie im echten Leben halt. Und das macht den Film so gut. Ein jeder erkennt einzelne Handlungsmuster, Zwänge oder Auslöser für Stress und Streit in der Filmhandlung.

Alle Figuren müssen ihr Leben neu justieren

Da ist etwa Stefans ältere Schwester Julia, die zusammen mit ihrem Mann auf einem Ferienausflug in Italien der Ehe neues Feuer einhauchen will. Oder Tobias, der Jüngste, der mit 34 immer noch studiert und die drei Kinder betreut, während seine Frau für das Einkommen sorgt. Liebevoll und mit viel Selbstbeherrschung beweist er dabei sehr viel Geduld, auch wenn ihm daneben einfach nichts gelingen will – und genau das ihm von seiner Familie auch vorgehalten wird.

Den Jüngsten schicken die anderen beiden Geschwister, beschäftigt mit sich selbst, zu ihren Eltern. Er soll zum Rechten schauen, dem Vater geht es nicht mehr so gut. Dort kommt es zum Zwist – und zur Erkenntnis, dass es nicht mehr so weiter geht wie zuvor. Eltern wie Kinder sind an einer Weggabelung angelangt. Ein jeder wird sein Leben neu justieren müssen.

Leider sind es zum Schluss zu viel der Grautöne, zu vieles bleibt nur angedeutet. Das hat zwar den Vorteil, dass man sich sehr viel ausdenken und in der Diskussion viel interpretieren kann. Doch für jene, die im Lockdown eher isoliert sind, wäre etwas mehr Anleitung schön für ein solchen Film.

«All My Loving» ist verfügbar als Stream auf outside-thebox.ch

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