Musik

Alles abgesagt? Nein. Die kleinen Klassikfestivals halten die Stellung und laden sogar Weltstars ein

Schon 2016 coronakompatibel: Eine «Landpartie» beim Davos Festival.

Schon 2016 coronakompatibel: Eine «Landpartie» beim Davos Festival.

Schweizer Klassikfestivals zeigen sich innovativ und profitieren von der Absage der grossen vier. Auf klassische Musik muss also nicht verzichtet werden.

Abgesagt. Abgesagt. Abgesagt. Zuerst Verbier, dann Luzern und Gstaad, schliesslich der «Settembre Musical» in Montreux: Alle vier grossen Klassikfestivals der Schweiz schweigen sich durch den Sommer, nehmen vorlieb mit Kurzarbeit, retteten vorzeitig, was zu retten war, ins nächste Jahr. Zu gross sind ihre internationalen Abhängigkeiten, zu belastend der Fokus auf grosse, nicht Corona-kompatible Orchester.

Vor allem war da die Angst, viel mehr Geld zu verlieren als zu gewinnen. Doch als die NZZ am 2. Mai noch beratend einwirken wollte und titelte «Erwacht endlich aus der Schockstarre!», waren viele kleine Schweizer Festivals längst erwacht. In Fribourg oder Ernen hatte man Pläne, um im Juli zu starten. Und kaum war auf Facebook unsere Freude darüber geteilt, riefen die Festivalleiter aus dem Bündnerland an und sagten: «Wir haben ähnliche Konzepte!»

Wenn der Bundesrat heute Mittwoch bekannt gibt, ob ab 8. Juni 100, 200 oder gar 400 Leute in einem Konzertsaal sitzen dürfen, müssen sie nur noch die Schublade öffnen. Das Engadin Festival wird gleich danach, Donnerstag oder Freitag, den Vorverkauf eröffnen. Und die Prognose sei gewagt: Es wird einen Run geben.

Doch Vorsicht: Bei diesem kleinen Musikseelenjubel gilt es innezuhalten und Francesco Walter, dem Intendanten des Musikdorfs Ernen, zuzuhören: «Eigentlich wäre es für uns viel einfacher gewesen, Kurzarbeit anzumelden und ein Gesuch für die Ausfallentschädigung einzureichen. Jetzt gehen wir finanziell ein Risiko ein, aber wir sind es den Musikern und Musikerinnen und dem Publikum schuldig. Wir sehen es auch als Chance, um Neues auszuprobieren.» Man nimmt Proben auf und stellt sie online, Konzerteinführungen werden im Voraus einspielt und auf dem eigenen Youtube-Kanal einen Tag vor dem Konzert veröffentlicht. Zudem werden statt aus Gstaad und Luzern live Konzerte aus Ernen auf Espace 2 und SRF 2 Kultur ausgestrahlt.

Das kleine, feine «Festival du lied» haut auf die Pauke

Die Krise ist auch eine Chance. Das «Festival du lied» hätte es 2020 gar nicht gegeben, da man in Fribourg jeweils alterniert mit dem Internationalen Festival für geistliche Musik. Als das Chorfestival aber abgesagt wurde, gab sich die Mezzosopranistin und Festivalleiterin Marie-Claude Chappuis einen Ruck, rief ihre Künstlerfreunde und -freundinnen an, und stellte spontan eine Art «Festival du lied» auf die Beine. Doch Festival ist untertrieben: Ab 25. Juli wird man im idyllischen Charmey an sechs Abenden auf einem grossen Parkplatz ein Klassik-Drive-in ­veranstalten: Etwa 150 Autos sollen vorfahren, die Fenster werden heruntergekurbelt, auch via Autoradio können ganze Familien grossen Interpreten lauschen. Moderne Technik, Kunst und Virologie sind vereint – das vermeintlich kleine feine Festival haut auf die Pauke. «Wir müssen eine Brücke zu einer Zeit finden, in der die Leute keine Angst mehr haben», sagt Chappuis. Rund um das 2000-Seelen-Dorf wird es touristische Angebote geben, der Bär dank Corona tanzen.

Und so darf man fragen, ob im Coronasommer die Stunde der kleinen Festivals gekommen ist, von jenen verwunschenen Orten, wo eine bunte Schar Klassikfreunde Konzerten lauscht in kleinen Kirchen und schmucken Rittersälen, die so gar nichts mit dem KKL zu tun haben. Kann es gar sein, dass Wakker-Preis-gekrönte Dörfchen wie Ernen, wo man in der Pause einen Schluck Brunnenwasser trinkt statt Champagner zu schlürfen, geradezu überrannt werden? Die Schweizer Hotels melden seit vier Wochen steil aufsteigende Buchungszahlen.

Rund 140 000 Karten wären in Luzern, Verbier, Gstaad und Montreux (70000, 35000, 25000 und 10000) verkauft worden – viel mehr als alle kleinen Schweizer Festivals zusammen anbieten. Dem Wirtschaftsmann und Sportevent-Spezialisten Michael Reichel, der seit 2017 die «Andermatt Swiss Alps Classics» auf der Festivalkarte etablieren will, leuchten beim Denken daran die Augen: «Es gibt sicher viele Klassik-Fans, die nun froh sind, dass es Veranstaltungen gibt wie unser Festival.» Reichel wird zumindest an zwei Abenden in Vitznau und Andermatt spielen, ein dritter, überraschender Ort ist noch in Planung.

Jan Schultsz, Intendant des Engadin Festivals, glaubt auch, dass man von den Absagen der Grossen profitiert. Vor allem, weil Künstler auch mal andere Festivals bespielen und bespielen wollen. Ihm ist jetzt ein Coup gelungen, auf den er jahrelang warten musste: Khatia Buniatishvili sagte ab, jemand anders zu ... Bald weiss es die Welt.

Bereits kommt aber wieder Unruhe auf. Franziska von Arb, Geschäftsführerin von Klosters Music, sagt, dass die Kleinen zwar flexibel seien, aber es tue sich etwas in der Szene: «Viele noch bestehende Festivals, auch die Salzburger Festspiele, wechseln zurzeit das Programm, weichen auf Alternativprogramme aus: Das Künstlerkarussell beginnt sich gerade wieder zu drehen.» Kaum war man als Kleiner der Held, sitzt man wieder am kürzeren Hebel.

Francesco Walter ist betreffend eines Zuschauerzustroms verhalten optimistisch. Sein Programm hat er teilweise angepasst, die Orchesterkonzerte gestrichen. In der Kirche hätte es jeweils Platz für 390 Personen. Mit der 2-Meter-Regel können nur 75 Leute rein. Viele Konzerte werden doppelt und ohne Pause geführt, einmal um 17 Uhr und einmal um 20 Uhr. Geopfert werden die Aufführungen und Lesungen im Tellensaal. Für eine Lesung weicht man auf den prächtigen Dorfplatz aus – auch Spontan-Konzerte sollen dort stattfinden. Musiker, die man wieder ausladen musste, bekommen eine Entschädigung. Das ist auch dank vieler Spenden der Vereinsmitglieder möglich. «Diese Solidarität und Verbundenheit mit dem Musikdorf ist einzigartig. Auch alle Musiker und Musikerinnen haben spontan zugesagt, pro Tag zweimal aufzutreten – notabene ohne zusätzliche Gagenforderung», so Walter.

Auch Jan Schultsz spürt Sympathie – und viel Energie in sich selbst. Statt in den kleinen Kirchen spielt man in der Reithalle St. Moritz sowie im Rondo Pontresina, dem Kultur- und Kongresszentrum. Dort wird Weltstar Grigory Sokolov sein Rezital gleich zweimal geben. Das Abschlusskonzert findet auf der Waldbühne Pontresina statt. «Das Engadin ist wie geschaffen für Freiluftkonzerte!», jubelt Schultsz.

Im Bündnerland wird aber auch in Klosters und Davos gespielt. Das 2017 (noch unter anderem Namen) gegründete Festival Klosters Music kann in die Arena ausweichen, eine Event- und Sporthalle. Wer Verbier oder Gstaad gewohnt ist, vermeidet es, die Nase zu rümpfen. «Die Arena bietet eine Infrastruktur, die ein Schutzkonzept im benötigten Umfang zulässt, sowohl im Bühnenbereich und Backstage wie auch bezüglich Saalplan und Besucherlenkung», so Geschäftsführerin Franziska von Arb. Abstände einzuhalten, sollte kein Problem sein, kostenaufwendige Massnahmen im Bereich Logistik müssen allerdings noch getätigt werden: Für Sicherheits- und Aufsichtspersonal, Beschaffung von Schutz- und Hygienematerial für das Publikum, die Künstler und Mitarbeitende, eine umfassende Signalisation für die Besucherlenkung, Backstage-Einrichtung und Künstlerbetreuung wird aber gesorgt. Dazu gehört auch zusätzliches Anmieten von Sanitäranlagen ...

Je grösser, je schlechter, je kleiner, je besser

Warum tun die sich das an?, fragt nur, wer nie den Geist dieser vor Enthusiasmus strotzender Festivals gespürt hat. Und ganz so schlimm sieht es eben bei den Kleinen nicht aus. In Klosters rechnet man mit etwa gleichbleibenden Besucherzahlen. Auch beim Davos Festival macht sich Stiftungsratspräsident Matthias von Orelli wegen der Karten weniger Sorgen, werden doch die Konzerte mit mehr Platzmöglichkeiten in den Fokus gestellt. Insgesamt kommen normalerweise 3500 Leute zu den Kauf- und Gratisanlässen. Aufgrund der aktuellen Platzbeschränkungen hat Davos in den Bezahlkonzerten für rund 2500 Besucher Platz, an den Gratisanlässen für etwa 500. Man kann also auf 3000 Besucher kommen. Da man bislang keine 100%-Auslastung hatte, könnte es sein, dass die effektiven Zahlen gar nicht so weit auseinanderliegen.

Sobald die Zuschauerzahlen höher gehen, zeigen sich auch deutliche Einbussen. Schon in Ernen. Dorthin kamen im Sommer 2019 über 6700 Besucher, 2020 werden es bei der 2-Meter-Regel maximal 2750 Eintritte sein. Immerhin: Alle Geldgeber haben zugesichert, die gesprochenen Beiträge zu überweisen. «Im schlimmsten Fall fehlen jedoch Einnahmen von 125000 bei zwei Meter und von 75000 bei einem Meter Abstand», so Francesco Walter. Ein grauenvoller Satz, den noch vor drei Monaten kein Mensch auf der Welt verstanden hätte.

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