Musik

Als Jazz, Foxtrott und Charleston die Schweiz eroberten: Ein Rückblick auf Musik und Tanz der goldenen 20er

Sie schrieben die Ohrwürmer der Zeit wie «Veronika, der Lenz ist da»: Die Comedian Harmonists aus Berlin.

Sie schrieben die Ohrwürmer der Zeit wie «Veronika, der Lenz ist da»: Die Comedian Harmonists aus Berlin.

Nach dem Ende des ersten Weltkriegs packte die Menschen in Europa und der Schweiz die Lebenslust: Freizügige Tänze und Songs mit frivolem Text waren plötzlich in.

Die wilden Zwanzigerjahre waren das «Jazz Age». Mit der grossen Wanderung «Great Migration» der schwarzen Amerikaner von Süden nach Norden ab 1916 gelangten Jazzmusiker von New Orleans nach Chicago, wo sie sich unter besten Bedingungen kreativ entfalteten. Chicago wurde zum Jazz-Mekka, es entstanden erste Aufnahmen von King Oliver’s Creole Jazz Band (1923), Fletcher Henderson (1924) und Louis Armstrongs Hot Five (1925). Meisterwerke der Jazzgeschichte.

Jazz gelangte zuerst nach England und Frankreich und von dort nach Deutschland und das ganze westliche Europa. In der Schweiz machten nach dem Ersten Weltkrieg vor allem Engländer und Amerikaner Ferien in der Schweiz. Mit ihnen kam der Jazz. Erste Spuren sind in den Nobelhotels von St. Moritz, Montreux und Gstaad in den frühen 20er-Jahren nachweisbar.

Mit dem Jazz von King Oliver, Louis Armstrong und Fletcher Henderson hatte dieser Jazz (oder Yazz) aber wenig zu tun. Gemäss den Studien von Heinrich Baumgartner über den frühen Jazz in der Schweiz waren die meisten Tanzkapellen keine Jazz-Kapellen, so wie wir sie verstehen.

Es genügte ein Saxofon oder ein Schlagzeug, um ein Salonorchester in eine Jazzband zu verwandeln. Oft wurde das Schlagzeug auch als «Jazz» bezeichnet. Der Begriff «Jazz» beschrieb gemäss Baumgartner damals eine «lebhafte, synkopierte und improvisierte Tanzmusik von Orchestern mit Schlagzeug und Saxofon».

Cafés und bessere Hotels dienten als Konzertbühne

Trotzdem waren die Veränderungen in den 1920er-Jahren fundamental. Besetzung und Spielweise der populären Tanzorchester änderten sich in diesen Jahren grundlegend. Wie der Musikhistoriker und Musiker Bruno Spoerri in «Jazz in der Schweiz» ausführt, waren vor allem Geiger und Cellisten gefordert. Er schreibt:

Es entstanden also multifunktionale Orchester, die in den Cafés und vor allem in den besseren Hotels am Nachmittag leichte Unterhaltungsmusik (Walzer, leichte Klassik, Märsche) darboten und am Abend zum Tanz aufspielten.

Gefragt waren dort vor allem die modernen Tänze Two Step, One Step, Foxtrott und Quickstep, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika entstanden. Auch Tango war beliebt. Mitte der 1920er-Jahre erreichten die neuen amerikanischen Tänze Shimmy, Lindy Hop und vor allem der Charleston Europa. Die von dem Pianisten James P. Johnson komponierte Melodie «The Charleston» wurde nach ihrer Aufführung im Musical «Running Wild» am New Yorker Broadway 1923 weltweit populär.

In Europa war vor allem eine Frau für die Charleston-Welle verantwortlich: die Tänzerin Josephine Baker.

Josephine Baker Tänzerin

Josephine Baker Tänzerin

Sie bekam den Titel Jazzkönigin und führte 1925 den Charleston zum ersten Mal in einer Revue in Paris auf. Von dort aus wurde der Tanz in ganz Europa populär. Baker sorgte im Mai 1929 in Zürich, an einem dreitägigen Gastspiel im Grosskino «Scala», für einen Massenauflauf.

Freizügige, frivole Lieder wurden salonfähig

Die tanzende Deutschschweiz war in den 1920er-Jahren vor allem im Bann von Berlin. Ab 1926 wurde die Schweiz von der Schallplattenindustrie mit deutscher Tanzmusik überschwemmt. Pro Jahr waren es mehr als eine halbe Million Platten. Am beliebtesten waren damals die Comedian Harmonists, die mit Songs wie «Mein kleiner grüner Kaktus» oder «Veronika, der Lenz ist da» Klassiker schufen.

Beeinflusst vom Dadaismus, entstanden viele verrückte Schlager wie «Wer hat bloss den Käse zum Bahnhof gerollt?» oder «Mein Papagei frisst keine harten Eier» oder «Du bist als Kind zu heiss gebadet worden». Oder frivole Texte wie «Fräulein, wolln Sie nicht ein Kind von mir?», «Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt» oder «Wenn ich Liebe brauche, dann geh ich zur Pauline» drücken die freizügigere Moral von damals aus.

Der in der Schweiz lebende deutsche Schriftsteller Hermann Hesse hat im «Steppenwolf» 1927 die Stimmungslage jener Zeit wunderbar beschrieben. Steppenwolf Harry Haller steht für die Zerrissenheit jener bürgerlichen Gesellschaft. Gleichzeitig fasziniert und angewidert vom hedonistischen, frivolen und triebhaften Nachtleben, vom wilden, chaotischen Jazz und der Tanzmusik.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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