Kultur

An den Bregenzer Festspielen heisst es: Manege frei für den traurigen Clown

Die Inszenierung schafft  auf der Seebühne Momente voller Poesie im "Rigoletto" von Giuseppe Verdi. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Die Inszenierung schafft auf der Seebühne Momente voller Poesie im "Rigoletto" von Giuseppe Verdi. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Regisseur Philipp Stölzl inszeniert Giuseppe Verdis «Rigoletto» als Zirkus voller Zauber und Melancholie

So geht Märchen für Erwachsene: Im Heissluftballon schwebt Gildas Seele in den sternenklaren Nachthimmel, während gleichzeitig unten auf der Seebühne ihr toter Körper leblos in sich zusammensinkt. Und das Orchester spielt flirrend zarte Luftmusik dazu. Ein Moment, als hätte der Himmel die Erde still geküsst, voll leiser Poesie.

Und das allein ist schon aussergewöhnlich auf der Bregenzer Seebühne, die sonst vom Grossen lebt, die so gigantisch ist, dass man schreien muss, um das Wort des anderen zu verstehen. Kann das ein Ort für Oper sein? Eine überflüssige Frage, schliesslich finden die Bregenzer Festspiele seit 1946 statt. Und das höchst erfolgreich. Aber an diesem Abend gesellt sich zum Erfolg eine besondere Magie. Das liegt an der Regie von Philipp Stölzl, der Verdis «Rigoletto» Liebe, Zirkusluft und zusätzlich ein Märchenpersonal angedeihen lässt. Damit ist nicht Rigoletto selbst gemeint, der schon bei Verdi ein Clown ist. In dieser Inszenierung aber wird auch der schürzenjagende Herzog zum Superman; sein Hof zu dressierten Affen, ein junges Mädchen zur Aufziehpuppe, und Gildas Kostüm ist quasi copy-pasted aus dem Film «Der Zauberer von Oz» mit Judy Garland: blaues Kleid, rote Glitzerschuhe, Kleinmädchenfrisur – alles da (Kostüme: Kathi Maurer).

Der Protagonist wird selbst zur Bühne

Auch für die Bühne hat man sich etwas Besonderes ausgedacht. Da sich Verdis Oper um die Liebe zwischen Vater und Tochter dreht, Intimität sich in den Bregenzer Dimensionen jedoch schnell verflüchtigt, hat man kurzerhand Rigolettos Kopf und Hände auf gigantische Masse vergrössert. Sie sind nun ganz eigentlich die Bühne. Auf der Halskrause wird Salto geschlagen und Velo gefahren, während der überdimensionierte Clown mal liebevoll, mal staunend zu seiner Tochter schaut, um später vor Scham und Gram beinahe im See zu versinken. So entwickelt sich der Abend statt zu einem megalomanen Blockbuster zu einer Blase voller Märchenzauber. Ihren Anteil daran hat auch Verdis Musik, die sich mit patternhaft wiederholenden Elementen bestens dazu eignet, mit dem Bregenzer Soundsystem zusammengepuzzelt zu werden. Schliesslich befinden sich Orchester und Dirigent weit weg von den Sängern, der Kontakt entsteht via Kopfhörer und Bildschirm. Es ist nicht nur Hightech, sondern Highest-Tech, was hier zum Zug kommt, um die Klänge künstlich zu verzögern und dann neu zu Raumklang und Gleichzeitigkeit zusammenzumischen. Dennoch. Wer auf der Suche nach musikalischen Finessen ist, wird in Bregenz nie ganz glücklich.

Das liegt diesmal sicher nicht am Dirigenten Enrique Mazzola, der die Wiener Symphoniker und den Prager Philharmonischen Chor zu einer Geste vereint. Selbst wenn es den Geigen nicht immer gelingt, Gildas Melodie passgenau mitzuspielen. Doch das sind Details inmitten dieser Aufführung voller Schönheit und Glanz – der zu diesem Zirkus dazugehört wie zur Bregenzer Seebühne der See. In den übrigens gerne und oft gesprungen und gefallen wird. Sogar eine ihm langweilig gewordene Geliebte lässt der Herzog (strahlend sonor gesungen von Stephen Costello) kurzerhand dorthin entsorgen, bevor er mit Rigolettos Tochter Gilda sein nächstes Opfer findet. Die Geschichte der beiden entspinnt sich nach dem Muster: Er will. Sie nicht. Er will sie nicht. Sprich, die eben noch von ihm verführte Gilda findet der Verführer bald nicht mehr allein seligmachend.

Sopranistin Mélissa Petit (als Gilda) fliegen die Publikumsherzen zu. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Sopranistin Mélissa Petit (als Gilda) fliegen die Publikumsherzen zu. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Völlig unverständlich – zumindest in dieser Bregenzer Version. Denn die französische Sopranistin Mélissa Petit (sie ist Ensemblemitglied am Zürcher Opernhaus) spielt und singt nach anfänglicher Anspannung ihre Gilda so reizend, dass ihr die Herzen nur so zufliegen. Ausser natürlich das besagte des Herzogs.

Ein Fluch und seine Folgen

Dass er kurz vorher verflucht wurde, lässt ihn ebenso kalt. Umso mehr kümmert es dafür Rigoletto (ausdrucksstark gesungen von Vladimir Stoyanov). Denn ihn traf der Fluch ebenfalls – und nun wiederholt der traurige Clown diesen wie ein Mantra. Als er ihm entkommen will, endet die Sache in der Katastrophe. Weil er mit Sparafucile (Miklos Sebestyén) einen Killer auf den Herzog ansetzt. Und dieser stattdessen Rigolettos Tochter tötet.

Was eine der traurigsten Opern der Welt sein könnte, hat schon Giuseppe Verdi mit tänzerisch beschwingten Abschnitten in emotionale Balance gebracht und so zu einer seiner schönsten Opern gemacht. Nichts anderes tut auch die Inszenierung von Philipp Stölzl mit der ihr eigenen Extraportion an Märchenzauber und Zirkusglanz.

Autorin

Anna Kardos

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