Mozart hasste es. Dieses Salzburg, in das er hinein geboren wurde und das er als ebenso eng wie engstirnig empfand: «Für mein Talent keine aufmunterung!», schrieb er an Vater Leopold: «Wenn ich spielle oder von meiner composition etwas aufgeführt wird, so ists als wenn lauter tisch und sesseln die zuhörer wären.»

Vielleicht braucht es diese Mozart’sche Vorwurfshypothek, vielleicht ist man sich in Salzburg auch das heimische Granteln gewohnt, jedenfalls würde sich Mozart an den dortigen Festspielen heute regelmässig die Augen und Ohren reiben. Denn ausgerechnet hier wird seine Musik so lebendig wie woanders selten. Schuld daran ist diesmal Teodor Currentzis (letztes Jahr ist durfte man über Constantinos Carydis staunen).

Der 47-jährige Dirigent hat eine steile Karriere als Visionär und Exzentriker hingelegt. Wobei mal das eine (etwa bei seiner phänomenalen Figaro-Einspielung) mal das andere (am Verdi-Requiem im KKL vor drei Monaten) überwiegt. Und Mozarts «Idomeneo»? Mit Curretzis ist ein Visionär am Werk

Mit Dirigent Teodor Currentzis ist ein Visionär am Werk

Salzburg hat Glück. Diesmal ist ganz klar Visionär Currentzis am Werk. Und auch wenn Mozart das mit den zuhörenden Sesseln anders gemeint hatte: Ja, selbst die Sessel vibrieren mit unter dieser Interpretation, die Mozart neu denkt (ja, das ist tatsächlich möglich!), ihn lebendig macht - und das erst noch mit seinen eigenen Waffen. Etwa mit Improvisation, zum Beispiel in den Gesangsmelodien, die abrupt unterbrochen werden, sodass man kopfüber in den Affekt einer Figur stolpert. Und auch im Klavier, an das sich seinerzeit Wolferl selbst gerne improvisierend gesetzt hatte, und das hier ebenfalls Melodien girlandieren, das Orchester würzen, die Sänger begleiten darf. Bitte mehr davon!

Genau das folgt denn auch, in diesem Drama um den Prinzen Idamante, der geopfert werden soll (mit geschmeidiger Stärke und Ausdruck gesungen von Sopranistin Paula Murrihy), um die versklavte Prinzessin (mit wunderschöner Stimme: Ying Fang), in die er sich verliebt. Und seine erste Verlobte Elettra, die auf Rache sinnt.

Würde Liebe nicht durch den Magen, sondern durchs Ohr gehen, würde Prinz Idamante wohl zum zweiten Mal Elettra (Nicole Chevalier) zu Füssen liegen. Denn wenn die Sopranistin singt, werden Töne rein und edel und die Phrasen zu Juwelen, dass man sie am liebsten einrahmen möchte. Anders bei König Idomeneo (Russell Thomas), dem trotz sonorem Weltschmerz hin und wieder ein Ton aus der Krone fällt. Auch der MusicAeterna Choir, der vieles in Schatten stellt, was man in Sachen Chor zu hören kriegt, gehört zum Zauberkabinett des Dr. Currentzis.

Und nicht zuletzt das Freiburger Barockorchester: Schon in der Ouvertüre halten die Bläser Dissonanzen prägnant aus und repetieren die Streicher ihre Töne fast atemlos, als harrten sie der Dinge, die da kommen sollten. Es sollten bedrohliche, furchterregende Dinge werden - so erzählt es zumindest Mozarts Libretto. Und stets würde dabei das Meer eine Rolle spielen in Form lebensgefährlicher Stürme, alles vernichtender Meeresungeheuer und des zürnenden Meeresgottes Neptun höchstpersönlich.

Abstrakte Ästhetik statt Apokalypse

Eine Steilvorlage für Regisseur Peter Sellars, der es im Trump Tower getan hat und ebenso in einer Drogenszene. Was? Mozarts Opern ins aktuelle Zeitgeschehen zu versetzen. Und diesmal geht Sellars förmlich ins Wasser: Dass die Plastikproduktion das Gewicht aller Menschen übertreffe, ist im Programmheft zu lesen. Oder dass Nanoplastik im Meer nachgewiesen wurde, der Zellwände durchdringen kann. Wenn dieser Tage in Europa an mehreren Orten Hitzerekorde gemessen wurden, wirkt wie ein Ausrufezeichen zu Sellars Ideen.

Abstrakte Ästhetik statt Apokalypse

Er hat’s einmal mehr geschafft, denkt man, und erwartet von der Inszenierung Apocalypse now. Doch was man zu sehen kriegt, sind Ästhetik und Abstraktion. Beginnend mit der Bühne, über welcher transparente, riesige Gebilde aus Pet schweben. Stehen sie für Meeresorganismen oder doch für Müll? Auch die Kostüme spielen auf Armeeuniformen an. Das ist leichter zu deuten: Im Krieg werden Individuen zu Volksmassen herabgewürdigt. Doch sogar Prinz Idamante sowie Prinzessin Ilia bewegen sich kaum je realistisch. Statt dessen folgen ihre Körper Choreografien des Samoaners Lemi Pontifasio.

Warum? Weil sie den Gesetzen von Familie und Vaterland statt jenem ihrer Herzen folgen müssen? Oder richtet sich der Tanz womöglich an uns Zuschauer, weil wir alles Vertraute hinter uns lassen, radikal umdenken und Neuland betreten müssen, wenn wir das Klima retten wollen? So oder ruft die Inszenierung eine ganz eigene Poesie hervor. Eine Poesie der Achtsamkeit und Würde, die nachdenklich stimmt. Mit Folgen: Auf den Coffee-to go danach hat die schreibende Journalistin verzichtet, um ihn statt dessen an der Bar zu trinken.

 

Die Salzburger Festspiele dauern noch bis 31. August. salzburgerfestspiele.at