Das Aarauer Theater Marie ist für seine experimentierfreudigen Inszenierungen bekannt, doch mit «Animeo und Humania» scheint es ein besonders schwieriges Unterfangen in Angriff genommen zu haben. In Zusammenarbeit mit dem Animationsfilmfestival Fantoche will die freie Theatergruppe nichts Geringeres, als die unterschiedlichen Genres Theater und Animation miteinander verbinden.

Theaterstück «Animeo & Humania»

Dabei sind die Kunstformen ganz und gar entgegengesetzt: Theater lebt vom Hier und Jetzt, von der direkten Interaktion mit dem Publikum; hingegen entstehen Animationsfilme Bild für Bild, in einem mehrjährigen Prozess. Sind diese Gegensätze vereinbar? Die gestrige Vorstellung von «Animeo & Humania» (Regie: Patric Bachmann) im Theater Tuchlaube Aarau beantwortet die Frage mit einem lautstarken «Ja».

Der Abend beginnt mit dem Ende. Genauer gesagt mit dem wohl tragischsten Ende im Theater: Romeo und Julias Tod. Romeo wähnt seine schlafende Geliebte tot und nimmt das Gift zu sich. Kurz darauf erwacht Julia und erblickt den toten Romeo: «Was ist das hier? Eine Flasche, festgeklemmt in meines Trauten Hand? – Gift, seh’ ich … ääh, nee, halt, stopp.» Julia unterbricht ihren Monolog. «Ich hab ‹Flasche› gesagt, oder?», fragt sie die Techniker neben der Bühne, «das stimmt nicht. Noch mal bitte von vorne».

Wir sind Zeuge von Audioaufnahmen zum Animationsfilm «Romeo und Julia». Den Film sehen wir auf eine Leinwand projiziert, während parallel die Sprecherin Humania (Lina Hoppe) Julias Zeilen vorträgt. Mehrmals muss die Sprecherin ihren Text neu ansetzen, während die Techniker den Film immer wieder vor- und zurückspulen müssen. Bereits in dieser Anfangsszene widerspiegeln sich der spielerische Ansatz und die Leichtigkeit der Inszenierung, die sich durch den gesamten Theaterabend hindurchziehen.

Im Theaterstück eröffnen sich neue Welten, in denen sich die ungleichen Liebenden näher kommen.

«Animeo & Humania»

Im Theaterstück eröffnen sich neue Welten, in denen sich die ungleichen Liebenden näher kommen.

Ein ungewöhnliches Paar

Aus dem diesjährigen Fantoche-Motto «doucement sexy» arbeitete das Theater Marie die Frage aus, wie eine Liebelei zwischen Mensch und Animationsfigur aussehen könnte. Die Umsetzung gestaltet sich ebenso einfallsreich wie witzig: Animeo, die Figur auf der Leinwand, verliebt sich in seine Sprecherin Humania. Die Animationsfigur wagt den ersten Schritt und macht sich als irrender Lichtkegel auf der Leinwand sowie mit elektronischen Geräuschen bemerkbar. Zunächst irritiert, findet Humania allmählich Gefallen am Spiel mit dem Lichtkegel, den sie nach Lust und Laune formen kann.

Eine eigene Stimme hat Animeo nicht, also kommuniziert er auf die ihm einzige verfügbare Art: indem er Shakespeares Zeilen aus seinem Repertoire abruft. Humania gelingt es, ein animiertes Abbild ihrer selbst zu kreieren und in die zweidimensionale Welt von Animeo einzusteigen. Doch wie bei Shakespeare endet auch diese Liebesgeschichte nicht im Happy End.

Die Steuerung der Animationsfiguren in Echtzeit (François Chalet, Michael Flückiger) und das schwungvolle Spiel von Lina Hoppe verschmelzen zwei scheinbar unvereinbare Genres zu einem neuen Amalgam. «Animeo & Humania» ist aber mehr als ein gelungenes Gedankenexperiment. Es öffnet Fragen über den schöpferischen Akt, über Beziehungen und Macht sowie die Annäherung an das Fremde.

Animeo & Humania Heute Freitag 14. Dezember, 20.15 Uhr, Theater Tuchlaube Aarau.