Literatur

Arno Camenisch macht in seinem neuen Roman den Schulabwart zum Lebenslehrer

Der 41-jährige Bündner Autor Arno Camenisch am Crestasee bei Flims.

Der 41-jährige Bündner Autor Arno Camenisch am Crestasee bei Flims.

Seine eingefleischten Fans könnten von Arno Camenischs neuem Roman enttäuscht sein: «Herr Anselm» ist ein wenig harmlos. Er stellt einen Schulhausabwart ans Grab seiner Frau, lässt ihn über die Schulschliessung schimpfen, seine hemdsärmlige Weltsicht ausbreiten und in Erinnerungen an die harmonische Ehe schwelgen.

Was war das doch jeweils eine Freude: Mit jedem neuen Kurzroman hat Arno Camenisch eine weitere Perspektive für seine lebensphilosophischen Eigenbrötler entdeckt. Die lakonischen Monologe, mit denen sie ihre Lebensangst und den langsamen Tod der Bergdörfer besänftigen und aushalten, steigerte der 41-jährige Bündner Autor zuletzt in «Der letzte Schnee» zu einem grandiosen Figurenduett zweier alter Männer, die am Skilift auf Schnee und Touristen warten.

Eine schaurig komische Hommage an Becketts «Warten auf Godot», voller schräger Pointen und mit dem leer drehenden Skilift als grossartige alpine Chiffre für eine existenziell zermürbende Situation. Die Deutschschweizer Buchhändlerinnen und Buchhändler wählten den Roman sogar zu ihrem Lieblingsbuch 2018.

«Das Leben ist nämli nicht eine Tischbombe»

Diesmal geht es in die Schule, der Held ist eine treuherzige Respektsperson, Herr Anselm. Beruf und Berufung: Schulhausabwart. Die Gemeinde «mit ihrem Oberlöli» will das Schulhaus schliessen – das Flaggschiff, die letzte Orientierung im Dorf, «bei all dem Chaos dort draussen in der Welt», sagt Herr Anselm. Arno Camenisch stellt ihn ans Grab seiner Frau.

Die Feiglinge von der Gemeinde hätten die Hiobsbotschaft nur ans Anschlagbrett geheftet, erzählt er ihr empört, dreht den mitgebrachten Blumenstrauss verlegen in der Hand und verteilt später beim Sprechen vor dem Grab den Kies gleichmässig mit dem Rechen. Seine Frau war ihm zeitlebens die besänftigende Partnerin.

Es sind solche Miniszenen, die den zarten Charme des neuen Romans ausmachen. Dreiunddreissig Jahre war Herr Anselm Abwart. Als solcher lässt ihn Camenisch stimmig sprechen, mit hemdsärmliger Weltanschauung («das Leben ist nämli nicht eine Tischbombe»), ruppigen Schimpftiraden über den verlogenen Oberlöli und wehmütigen Erzählungen über die harmonische Ehe und sein eigenes Wirken an der Schule.

Harmlose Patzer statt skurrile Katastrophen

Immer wieder war der Schulhausabwart für kranke Lehrer eingesprungen, baute für die Schule einen Pingpong-Tisch, den die Gemeinde nicht finanzieren wollte, und verachtete die Computer in der Schule, mit denen man das Zusammenleben nicht lerne. Ein sympathischer Dickschädel also. Solche treuen, ehrlichen Seelen sind aber selten spannende Romanfiguren. Da fehlen Abgründe, und das Monologische bringt wenig erzählerische Spannung ins Buch. Auch bleibt die verstorbene Ehefrau, sanft, belesen und tapfer ihre Krankheit ertragend, eine blasse Nebenfigur.

Wo man in früheren Romanen über skurrile Katastrophen lachen konnte, serviert «Herr Anselm» harmlose Patzer, Stromausfälle oder einen dementen pensionierten Arzt. Wenn Herr Anselm den Kindern Ehrlichkeit predigt und immer wieder mit Sportvergleichen für das Durchhalten nach einem Scheitern plädiert, dann wird das Buch mehr lebenskluge, pädagogische Ratgeberliteratur als grosse Literatur. Vielleicht ist man aber auch verwöhnt von Camenischs makabrer Melancholie und sieht gerade einer Verwandlung zu: Sanftmütig bescheiden mit leisen Pointen – ein neuer, zarter Ton in seiner Erzählkunst.

Man geht nicht gleich nach Hause, «wenn der erste Return ins Netz geht»

Die Vergleiche des Lebens mit Tennis, Fussball, Velofahren, Boxen gehören zu den besten Pointen des Buches. Die Angst, das Scheitern und der Tod sind auch in diesem Roman Thema, plagen Herrn Anselm aber nicht wirklich. Auf alles hat er einen wohlfeilen Spruch: Man gehe ja auch nicht gleich nach Hause, «wenn der erste Return ins Netz geht».

Wunderbare Sätze finden sich: So dürfe etwa ein Lehrer nicht wie eine Reliquie vor der Klasse stehen. Oder wenn der alte Schulkollege Christoph nach dem ersten Liebeskummer bei jedem Lachen einer neuen Angebeteten gleich fürchte, diese zücke nun das Fleischmesser. Das sind glänzende Einfälle.

Ein Schulabwart war schon in «Die Kur» Antiheld

Vor vier Jahren hat Camenisch schon mal einen Schulhausabwart zur Hauptfigur eines Romans gemacht. In «Die Kur» war dieser frisch pensioniert und hatte in der Tombola vier Tage Luxushotel in den Bergen gewonnen – für sich und seine fröhliche Frau. Der Gegensatz zwischen der aufgeblasenen Heiterkeit der High Society und seiner eigenen Schwarzmalerei, zwischen der Lebensfreude der Frau und der eigenen Schwermut machte aus dem Abwart eine spannende Figur zwischen Tragödie und Farce.

In den Bergen lauerte die Erinnerung an ein Leben voller skurriler Todesfälle. Als Überlebenspäckli hatte der rührend-bärbeissige Antiheld einen Plastiksack mit Taschenlampe, Barometer und vor allem Kägi-Fretli mit. Camenisch liess ihn lustvoll misanthropisch gegen klassische Hauskonzerte spötteln: «Meine liebste Musik ist die von Speck in der Bratpfanne.» Schwarzer Humor, virtuos serviert. Man hätte Herr Anselm auch ein paar Kägi-Fretli gewünscht.

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